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N eue, radikale Form des OutsourcingsVirtueller Größenwahn – Accenture und die „Wertschöpfungsrevolution“
Von Gunnar Sohn
Bonn – Die Accenture-Manager Thomas Köhler und Stephan Scholtissek haben große Pläne mit der öffentlichen Hand. Sie proklamieren in einem neuen Fachbuch nichts geringeres als die „dritte Revolution der Wertschöpfung“ (erschienen im Econ-Verlag). Und zwar durch eine neue, radikale Form des Outsourcings. Spürbare Effizienzsteigerungen könnten nur erreicht werden, wenn die Erfahrungen aus der Fertigung auf firmeninterne Dienstleistungsprozesse erweitert würden. Business Process Outsourcing (BPO) heißt das im Fachjargon. Großkonzerne nutzen so genannte Innovationspartnerschaften, indem sie Co-Kompetenzen mit spezialisierten Unternehmensberatungen aufbauen, die dann gesamte Kerngeschäftsfunktionen übernehmen. Das könnten, so die Analyse der Buchautoren, natürlich nur die ganz großen Beratungsunternehmen bieten: Zu besichtigen beim „Vorzeigeprojekt“ von Accenture, dem virtuellen Arbeitsmarkt der Bundesagentur für Arbeit (BA), das von dem BA-Vizechef Heinrich Alt als das „größte informationstechnologische Projekt“ der Republik gepriesen wurde. Warum für die Technikrevolution Mehrkosten in Höhe von 100 Millionen Euro entstehen, zählt wahrscheinlich für den BA-Cybermanager Alt zu den ungelösten Welträtseln seiner Beamtenkarriere. Denn die von Accenture ausgerufene Wertschöpfungsrevolution kostet eigentlich nichts. „Unsere Berechnungen zeigen: Von jedem Euro, den die deutsche Wirtschaft, Bund und Länder für Dienstleistungs- und Verwaltungsfunktionen ausgeben, könnten rein rechnerisch 11,6 Cent eingespart werden. Insgesamt entspricht dies rund 40 Milliarden Euro, ein Potenzial, das wir als ‚Bruttowertschöpfungsreserve’ bezeichnen“. So steht es in dem Revolutionsbuch von Köhler und Scholtissek. Das Ganze geht sogar noch einen Schritt weiter und wird die angespannte Stimmung auf den Fluren der BA-Vorstandsetage sichtlich entspannen. Der Innovationspartner finanziert die BPO-Projekte vorab mit eigenen Mitteln, die er dann im Laufe des Projekts durch Einsparungen und Effizienzsteigerung wieder hereinholen müsse. So lautet die Accenture-Theorie. Die Praxis beschert den virtuellen Arbeitsmarktarchitekten leider einen handfesten Skandal. Das Outsourcing-Mantra der großen Beratungshäuser erweist sich als teure Luftnummer.
Dass die großen Beratungsunternehmen wie Accenture, Roland Berger oder McKinsey sich mittlerweile auf Behörden und Verbände konzentrieren, ist nach Auffassung des Düsseldorfer Publizisten Rainer Steppan kein Zufall. Viele Konzerne hätten sich in den vergangenen Jahren sämtliche Consultingmoden gefallen lassen und Strategien gewechselt wie Unterwäsche. Mittlerweile sei in der Privatwirtschaft eine regelrechte Beraterallergie entstanden und Budgets für die klassische Beratung würden radikal gekürzt. "Also weichen die Berater auf die öffentliche Hand aus", so Steppan. Der schlanke Staat sei immer noch viel zu fett und schreie geradezu nach strategisch verordneten Diäten. "Der öffentliche Sektor hat sich zu einem attraktiven Markt für die Branche entwickelt, den die Großen des Geschäfts nun unter sich aufzuteilen gedenken", kritisiert Steppan. Er warnt die Verantwortlichen des Öffentlichen Dienstes, in eine ähnliche Consultinghörigkeit zu fallen, wie die Top-Manager der freien Wirtschaft. "Der Bevölkerung ist nicht klar, dass jedes der anstehenden politischen Vorhaben ebenso scheitern kann wie die Transformationsprozesse der Privatwirtschaft." An den tiefgreifenden Reformen, die auf den deutschen Staat und seine Verwaltungen zukommen, wollen die Berater genauso kräftig verdienen wie an der Neuausrichtung fast aller größeren Konzerne in den 1990er Jahren. "Es darf nicht sein, dass die Beamten hilflos mit den Achseln zucken und die Berater mit geldschweren Taschen von dannen ziehen, wenn ein öffentliches Projekt im Chaos endet", moniert Steppan. Er ermahnt die Behörden, bei Ausschreibungen sorgfältiger vorzugehen. Es gäbe eine Vielzahl von kleineren und spezialisierten Consultingfirmen, die weitaus bessere Leistungen als die Marktführer erbringen. "Außerdem bieten sie", unterstreicht Steppan, "gute Arbeit zu attraktiven Preisen".
Für die FAZ-Redakteurin Claudia Bröll gibt es neben der sinnlosen Verschwendung von Steuergeldern für die virtuellen Spielchen der Nürnberger Mammutbehörde auch noch eine ordnungspolitische Schieflage. Das Skandalöse an der neuen Affäre der „Agentur“ sei das Projekt selbst. „Mit Hilfe von zwangsweise erhobenen Beitragsgeldern dringt eine Behörde in einen gut funktionierenden Markt ein, auf dem sich Online-Stellenbörsen, Zeitungen, Zeitschriften und private Personaldienstleister einen regen Wettbewerb lieferen. Die ‚Agentur’ verdoppelt nicht nur Strukturen, die schon längst existieren, und verpulvert hierfür Millionen an Beitragsgeldern. Unter dem Deckmäntelchen der Arbeitsmarktpolitik macht sie auch noch den privaten Anbietern Konkurrenz und verdrängt sie vom Markt“.
So läuft es halt, wenn der Staat in seiner Planungshysterie alles unter seine Fittiche nehmen will und dafür auch noch größenwahnsinnige Beratungsfirmen als Erfüllungsgehilfen einsetzt.
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