200701b Intersystems KVBW E-Gesundheitskarte D2D

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Baden-Württembergs Ärzte kommunizieren elektronisch

»Doctor to Doctor«

Ursprünglich für Anfang des Jahres geplant, verzögert sich die bundesweite Einführung der E-Gesundheitskarte weiterhin und bleibt in den Fachgremien höchst umstritten. In bestem Einvernehmen mit Vertragsärzten und Kostenträgern hingegen betreibt die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) bereits seit drei Jahren eine Telematik-Plattform mit deutlich weiter gehender Funktionalität.

 

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etreu ihrem Selbstverständnis als Dienstleister für die Ärzte und Psychotherapeuten im Land berät die KVBW ihre über 19.000 Mitglieder schon lange bei der Auswahl von Praxiscomputern. Ab dem Jahr 2001 wurde dabei der Ruf nach einer Vernetzung mit Kollegen, etwa zur elektronischen Befundübermittlung an Zuweiser, immer lauter. »Wir haben uns umgesehen und schnell festgestellt, dass nur zwei Austauschplattformen überhaupt in Frage kamen«, berichtet Doris Appel, die damals als EDV-Beraterin der inzwischen in der KVBW aufgegangenen KV Nordwürttemberg nach einer Lösung für die kommunikationswilligen Ärzte suchte. »Ein Testprojekt zum Austausch von elektronischen Arztbriefen in der Region Heilbronn war seinerzeit gerade gescheitert. Unsere Kollegen in der KV Nordrhein hingegen hatten erste Erfolge mit ihrem Projekt »Doctor to Doctor« (D2D) zu vermelden.«

Bei ihren Recherchen erfuhr Appel, dass D2D technisch auf dem PaDok-Verfahren des Fraunhofer Institutes für Biomedizinische Technik aufbaut. Als Client-Server-Technologie in Verbindung mit modernen Kryptographieverfahren bildete D2D eine sichere Kommunikationsplattform für vertrauliche medizinische Daten. »Wichtig war uns vor allem auch, dass D2D bereits system- und herstellerübergreifend eingesetzt wurde«, betont Appel. »Schließlich sollte unsere Lösung zukunftssicher und unabhängig davon sein, welches Computersystem die Ärzte nutzen.«

Das Projekt formiert sich

So beschloss der Vorstand der KV Nordwürttemberg im Herbst 2002 das Projekt »eCommunication für Vertragsärzte«. Ziel war es, in enger Zusammenarbeit mit der KV Nordrhein und dem Fraunhofer Institut eine elektronische Kommunikationsplattform aufzubauen, über die die KV-Mitglieder systemübergreifend Arztbriefe miteinander austauschen, aber auch möglichst bald ihre KV-Abrechnungen online einreichen könnten. Denn diese beiden Anwendungen standen ganz oben auf der Wunschliste der Ärzte.

Zum Projektstart veranstaltete die KV im März 2003 einen Workshop mit über 90 Teilnehmern aus Politik, Industrie, Ärzteschaft und der Selbstverwaltung. Ziel war es einerseits, die noch offenen technischen und datenschutzrechtlichen Fragen beim Einsatz des D2D-Verfahrens zu klären, vor allem aber sollten die Hersteller von Praxisverwaltungssoftware (PVS) motiviert werden, D2D aus ihren Lösungen heraus zu unterstützen.

Im Mai 2003 lag eine positive Bewertung des Innenministeriums und des Landesbeauftragten für den Datenschutz vor und einem Praxiseinsatz stand nichts mehr im Wege. Die Bewährungsprobe erlebte D2D dann im September in Crailsheim als acht Praxen mit zwölf beteiligten Ärzten, die PVS-Systeme dreier unterschiedlicher Hersteller einsetzten. Die KV unterstützte die Praxen bei der Anschaffung der erforderlichen Hard- und Software mit einer einmaligen Unkostenbeteiligung in Höhe von 500 Euro. Als Infrastruktur griff man zunächst auf den D2D-Server der KV Nordrhein zurück. Nach kurzer Anlaufphase funktionierte das System einwandfrei und die Ärzte tauschten ab Oktober 2003 routinemäßig Arztbriefe untereinander aus.

Von der Theorie in die Praxis

»Uns war wichtig, von Anfang an zu beweisen, dass D2D systemübergreifend eingesetzt werden kann«, betont Appel. »Nur so konnten wir weitere PVS-Hersteller motivieren, bei dem Projekt mitzumachen.« So etwa Duria, ein genossenschaftlich organisierter Anbieter aus Düren, dessen Software in Crailsheim im Einsatz war. »Uns hat überzeugt, dass D2D bereits damals mit der adressierten, gerichteten und ungerichteten Kommunikation alle Anforderungen im medizinischen Umfeld vollständig abdecken konnte«, erläutert Entwicklungsleiter Dr. Erich Gehlen. »Die Implementierung der Schnittstelle war sehr einfach und ging wirklich schnell. Woran es in der Anfangszeit fehlte, waren jedoch die Geschäftsmodelle für die Praxis.«

Mit der Ausweitung des Projektes zunächst auf rund 50 Ärzte in Heilbronn im Februar 2004 und dann im April auf die gesamte Region Nordwürttemberg begann sich dies zu ändern. Immer mehr Ärzte und Hersteller stiegen auf D2D ein. Dazu musste das System sich allerdings weiterentwickeln und praktische Vorteile für breitere Schichten der Ärzteschaft bieten. »Uns war klar: In der Breite würden die Ärzte die neue Technik nur dann einsetzen, wenn sie ihnen praktische Vorteile bringt«, erinnert sich Appel. »Sie muss schneller oder preiswerter sein als das konventionelle Verfahren – oder am besten beides.«

Der wirtschaftliche Nutzen bestimmt die Akzeptanz

Für den E-Arztbrief gilt dies ganz besonders, wie der Feldversuch gezeigt hat. Gegenüber dem Postversand ersparen sich die Praxen mit dem Ausdrucken, Falzen, Kuvertieren, Frankieren und Einliefern nicht nur einiges an Aufwand, zudem stehen auf der Kostenseite 55 Cent Porto die mittleren Online-Transaktionskosten von nur 8 Cent. gegenüber. Beim elektronischen Empfang von Arztbriefen ist der ersparte Aufwand sogar noch größer: Hier können die Befunde einfach auf Knopfdruck zur Patientenakte hinzugefügt werden. Für Praxen, die viele Arztbriefe schreiben oder erhalten, lohnte sich D2D also von Anfang an.

Für viele andere Ärzte wurde D2D erst mit der Einführung der weiteren Anwendungen attraktiv. Während der Praxisnutzen der E-Überweisung und der E-Krankenhauseinweisung sich in engen Grenzen hielt, überzeugte die 2005 testweise eingeführte E-Abrechnung zahlreiche Ärzte zum Einstieg in D2D. Seit dem vierten Quartal 2006 befindet sie sich im Routinebetrieb und steht den Mitgliedern aller vier Bezirksdirektionen der KVBW zur Verfügung.

Mehr als nur Arztbrief und Abrechnung

Inzwischen ist die KV mit ihrer D2D-Plattform auch über die Kassenabrechnung hinaus als Informationsvermittler zwischen den Ärzten und Kostenträgern erfolgreich. So hat sie mit einer ganzen Reihe von Krankenkassen Vereinbarungen über die elektronische Datenübermittlung im Rahmen von strukturierten Behandlungsprogrammen (DMP) getroffen. Ärzte, die im Rahmen eines DMP Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2, koronarer Herzkrankheit oder Brustkrebs behandeln, können die entsprechenden Dokumentationsbögen seit Ende 2005 per D2D elektronisch an die Datenstellen einsenden.

Ähnliches gilt für die D- und H-Ärzte, die die medizinische Versorgung im Auftrag der Unfallversicherungsträger durchführen. Hier bedient D2D auf Knopfdruck das elektronische Berichts- und Abrechnungssystem »Datenaustausch mit Leistungserbringern in der gesetzlichen Unfallversicherung« (DALE-UV).

Wenn demnächst noch die Abrechnung mit den Privatärztlichen Verrechnungsstellen flächendeckend implementiert ist, wird für die an D2D teilnehmenden Ärzte der »Papierkrieg« erheblich nachgelassen haben. Dass sich das auszahlt, erkennen immer mehr Praxen – so rechnet Appel mit einem Anstieg der D2D-Nutzerzahlen bundesweit von 2.000 im Juni 2006 auf über 3.000 bis zum Jahresende.

Der eigene Server musste sein

»Nach Abschluss der Pilotphase war uns klar, dass unser Gastspiel auf dem D2D-Server der KV Nordrhein nicht lange andauern könnte«, erläutert Appel. »Schon alleine aus Kapazitätsgründen wurde ein eigener Server benötigt.« Seit Anfang 2005 steht dieser nun im Rechenzentrum der KV Baden-Württemberg in Stuttgart und wird anwendungsseitig von Fraunhofer gewartet und betreut. Die Hardwarebasis besteht aus zwei Servern mit je vier Intel 2,8-GHz-Prozessoren, je zwei SCSI-Festplatten mit ca. 135 GB im RAID-Verbund und einer Systemplatte unter Microsoft Windows 2003 Server, einem Suse-Linux-Radius-Server zur Authentifikation der Nutzer sowie einer Reihe von ISDN- und VPN-Routern mit Firewalls. Die wichtigsten Softwarekomponenten sind die PaDok- beziehungsweise D2D-Server-Software von Fraunhofer sowie eine leistungsfähge Caché-Datenbank von Intersystems.

»Damit sind wir nun für das erwartete Wachstum optimal gerüstet«, freut sich Appel. »Neben allen anderen steigenden Anforderungen nehmen wir mit der Region Heilbronn ja am 10.000er- und voraussichtlich auch dem 100.000er-Test für die E-Gesundheitskarte teil. Dafür ist unsere Infrastruktur jetzt bereits ausgelegt.« Überhaupt ist sie überzeugt, dass D2D die E-Gesundheitskarte gut ergänzen kann. »D2D kann alles, was mit der E-Gesundheitskarte erst in der zweiten oder dritten Ausbaustufe kommen soll. Genau betrachtet kann D2D heute sogar schon wesentlich mehr.«

Dabei hat die neue Konfiguration auch handfeste Vorteile für die beteiligten Ärzte gebracht. War früher die Kommunikation über D2D nur per direkter ISDN-Einwahl möglich, sind inzwischen auch per VPN-Technik (nach den KV-Safenet-Vorgaben) gesicherte Internet-Verbindungen möglich. So sparen die Praxen Telefongebühren und können auch die vielerorts vorhandenen schnellen DSL-Verbindungen nutzen.

In Zukunft: mehr Dienste, mehr Teilnehmer

Mit dem bisherigen Projektverlauf zeigt Appel sich ausgesprochen zufrieden. »Als wir vor fünf Jahren mit D2D begonnen haben, galten wir als Pioniere. Nach Teilnahme der KV Bayerns setzen heute die drei größten KVen Deutschlands auf D2D. Die Unterstützung der PVS-Hersteller ist inzwischen ebenfalls so gut, dass über 50 Prozent der deutschen Praxen D2D nutzen können.« Und es wohl auch bald werden. Denn Dienste wie die DALE-UV und die E-Koloskopie werden ab 2007 verbindlich. Für andere Dienste wie E-DMP erhalten die teilnehmenden Ärzte bereits heute eine höhere Vergütung. Und mit jedem neuen Dienst steigt der Anwendernutzen zusätzlich. »Ich kann den Ärzten nur raten, jetzt schnellstens einzusteigen«, lautet daher die Empfehlung von Appel. »Wer heute seine Erfahrungen sammelt, ist dann bereits produktiv, wenn die zurückhaltenderen Kollegen später nachziehen müssen.«

Michael Ihringer

 

 

 

Mögliche D2D-Anwendungen

Dokument            Versandart        Patient      Empfänger
eArztbrief           adressiert         -              Arzt
eAbrechnung       adressiert         -              KV
eDMP                 adressiert         -              Datenannahmestelle
eDALE-UV           adressiert         -              Datenannahmestelle
eKoloskopie         adressiert         -              Datenannahmestelle
eRezept              gerichtet           Ticket       Apotheker
eEinweisung         gerichtet           Ticket       Krankenhaus
eÜberweisung      gerichtet           Ticket       Arztgruppe
eFallakte             ungerichtet        Ticket       Alle medizinischen Leistungserbringer (im Prinzip)
eNotfallakte         ungerichtet        Ticket       Alle medizinischen Leistungserbringer

Dokument

D2D unterscheidet verschiedene Dokumentenarten. Die Formate und Datenschnittstellen bauen auf dem SCIPHOX-Standard (XML/CDA Rel. 1) bzw. CDA Rel. 2  auf.

Versandart

Die Übertragung erfolgt verschlüsselt entweder an einen vorherbestimmten Empfänger (»adressiert«), an einen erst später bestimmten Empfänger aus einer vorgegebenen Gruppe (»gerichtet«) oder an einen beliebigen, vom Patienten spontan zum Erhalt der Informationen autorisierten Empfänger.

Fallbezogene Datenhoheit des Patienten (Ticket)

Der Patient verfügt über ein fallbezogenes Vorgangs-Ticket als Schlüssel zu seinen Daten. Dieses kann sich als Barcode auf Papier oder elektronisch auf einer Patientenkarte oder einem anderen Datenträger befinden.

Technische Daten

- Datenaustausch über TCP/IP
- Client-/Server-Verbindung per ISDN oder VPN
- Symmetrische und asymmetrische Verschlüsselung (3DES, SHA1, IDEA128, RIPEMD160, RSA), Signaturen, Zertifikate
- Zeitlimits für den Verbleib von Server-Daten (variabel)
- Datenablage auf dem Server ausschließlich in verschlüsselter, für den Serverbetreiber nicht zugreifbarer Form

 

 


 

Doris Appel, EDV-Beraterin KVBW (Quelle: KVBW)

 

 


 

D2D-Funktionsschema (Quelle: Fraunhofer IBMT)

 

 


 

Arztbriefversand mit D2D (Quelle: Duria)

 

 

 


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