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Internationales Beschwerdemanagement (Teil 1) Vielsprachig lamentieren Die Internationalisierung des Beschwerdemanagements ist nicht nur eine IT-technische Aufgabe verstanden. Die Chancen bestehen nämlich darin, die negativen Auswirkungen von Kundenunzufriedenheit für das Unternehmen zu minimieren und die in Beschwerdeäußerungen enthaltenen Hinweise auf betriebliche Schwächen und marktbezogene Gelegenheiten zu identifizieren und zu nutzen.
nternehmen, die glauben, ihr in Deutschland aufgebautes und bewährtes Beschwerdemanagement einfach auf neue ausländische Märkte übertragen zu können, vergeben Chancen, die ein effektives internationales Beschwerdemanagement bietet. Vielmehr ist eine ausführliche Diskussion zu den vielschichtigen Herausforderungen für alle Aufgabenbausteine des Beschwerdemanagements erforderlich. Auch die Frage eines zentralen, dezentralen oder dualen Beschwerdemanagements stellt sich im internationalen Rahmen vollkommen neu, da sowohl unternehmens- als auch marktbezogene Faktoren zu berücksichtigen sind
1 Internationales Beschwerdemanagement als strategische AufgabeGegenwärtig ist die erfolgreiche Exportwirtschaft treibender Motor für die deutsche Konjunktur. Chancen und Erfolge, die sich aus der Globalisierung und der Erschließung neuer Märkte ergeben, führen auch zu neuen Herausforderungen im Kundenservice und im Beschwerdemanagement. Dennoch schenken viele Unternehmen diesen Herausforderungen nur geringe Aufmerksamkeit. Regelmäßig wird eine Internationalisierung des Beschwerdemanagements nur als IT-technische Aufgabe verstanden, bei der es darum geht, die in Deutschland eingesetzten Beschwerdesoftwarelösungen an den ausländischen Standorten verfügbar zu machen. Diese wenig strategische und konzeptionelle Herangehensweise lässt die Chancen eines effektiven Beschwerdemanagements ungenutzt, nämlich die negativen Auswirkungen von Kundenunzufriedenheit für das Unternehmen zu minimieren und die in Beschwerdeäußerungen enthaltenen Hinweise auf betriebliche Schwächen und marktbezogene Chancen zu identifizieren und zu nutzen. Dieses Potenzial des Beschwerdemanagements kann nur ausgeschöpft werden, wenn die Internationalisierung als strategische Aufgabe verstanden wird.
2 Ziele des internationalen BeschwerdemanagementsEbenso wie das nationale verfolgt das internationale Beschwerdemanagement Ziele wie die Wiederherstellung von Kundenzufriedenheit, die Vermeidung von negativer Mund-zu-Mund-Kommunikation und die Fehlervermeidung. Diese Ziele sind nicht landesbezogen sondern länderübergreifend gültig. Jedoch können die Besonderheiten des internationalen Absatzes dazu führen, dass für das internationale Beschwerdemanagement einige Ziele eine besondere Bedeutung erlangen oder auch Ziele neu hinzukommen: Zu diesen Besonderheiten des internationalen Absatzes mit Relevanz für die Ziele des Beschwerdemanagements gehören etwa andere gesetzliche Rahmenbedingungen (Gewährleistung und Produkthaftung), mit denen Unternehmen konfrontiert sind, die in neue Märkte expandieren wollen. In diesem Zusammenhang sei erinnert an die exorbitant hohen Schadenssummen, die von Verbrauchern vor US-amerikanischen Gerichten in jüngerer Vergangenheit gegen Unternehmen wegen Produktmängeln erstritten worden sind. Hier hilft das internationale Beschwerdemanagement gesetzliche Anforderungen in den verschiedenen Ländern zu erfüllen und die Risiken von Haftungsklagen für das Unternehmen zu minimieren. Aufgrund der geografischen und kulturellen Distanz gleicht das Beschwerdemanagement Schwierigkeiten im Kundendialog aus und leistet damit einen besonderen Beitrag für die Kundenbindung und Beziehungspflege. Der höhere Bekanntheitsgrad und die längere Tradition inländischer Marken und die Tendenz, einheimische Produkte gegenüber ausländischen vorzuziehen (»Americans buy American«), stellt beim Markteintritt für ausländische Unternehmen eine hohe Hürde dar. Hier ist das Angebot, Beschwerden entgegenzunehmen und zu bearbeiten, ein wichtiges Instrument, die Kaufentscheidung für ein ausländisches Produkt positiv zu beeinflussen, da es den Kunden die Sicherheit gibt, sich bei Unzufriedenheit mit dem Produkt problemlos an den Anbieter wenden zu können. Für die Erschließung ausländischer Märkte stehen Unternehmen zwar eine Vielzahl von Informationsquellen zu Verfügung, jedoch ist die Informationsversorgung aufgrund der Distanz zwischen Anbieter und Nachfrager häufig problematisch. Damit wird das unmittelbare Kundenfeedback aus Beschwerden eine besonders wichtige Informationsquelle für die optimale Gestaltung von international verkauften Produkten und Dienstleistungen. Zusammenfassend lassen sich damit drei wesentliche Motivationen für die Errichtung eines internationalen Beschwerdemanagements erkennen:
3 Kulturelle Unterschiede als HerausforderungDie Errichtung eines internationalen Beschwerdemanagements hat die Herausforderung zu bestehen, die landesspezifischen und kulturellen Unterschiede bei Kunden aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen angemessen zu berücksichtigen. Dieser Aspekt prägt die Planung, Durchführung und Kontrolle aller Aufgaben des Beschwerdemanagements:
Die aufgrund gesetzlicher, kultureller und wirtschaftlicher Unterschiede bestehende Notwendigkeit zur Differenzierung spannt damit den Rahmen auf, wie das internationale Beschwerdemanagement zu organisieren ist.
4 Organisation des internationalen Beschwerdemanagements: Zentral, dezentral oder dual?Grundsätzlich lassen sich zwei extreme Organisationsformen unterscheiden: Bei einem rein zentralen internationalen Beschwerdemanagement werden alle Aufgaben länderübergreifend von einer zentralen Beschwerdeeinheit in einem Land durchgeführt [1]. Hingegen werden bei einem rein dezentralen internationalen Beschwerdemanagement in jedem Land eigene Beschwerdeeinheiten aufgebaut, die nicht einer zentralen Steuerung unterliegen. Daneben kann das internationale Beschwerdemanagement auch dual organisiert werden. Dabei werden bestimmte Aufgaben – etwa die Beschwerdeannahme – den jeweiligen dezentralen Landeseinheiten zugeordnet. Für andere Aufgaben wie zum Beispiel Beschwerdeauswertungen sind zentrale Stellen zuständig. Die Wahl der »richtigen« Organisationsform lässt sich nicht allgemeingültig beantworten. Vielmehr bestimmen unternehmensbezogene und marktbezogene Einflussfaktoren den sinnvollen Grad der Zentralisierung bzw. Dezentralisierung. 4.1 Unternehmensbezogene FaktorenIn die Überlegungen zur richtigen Organisationsform sind dabei als unternehmensbezogene Faktoren die Internationalisierungsstrategie, die Organisation der Auslandsaktivitäten und Art und Umfang des Beschwerdeaufkommens einzubeziehen [2]. Ist es Ziel des Marketings, ein einheitliches Auftreten des Unternehmens in der Wahrnehmung der Kunden zu verankern, so kann im Beschwerdefall dieses Markenbild nur konsistent vermittelt werden, wenn Strategien, Konzepte und Produkte von der Muttergesellschaft unverändert auf internationale Tochtergesellschaften übertragen werden. Wird hingegen eine multinationale Marketingstrategie verfolgt, bei der selbstständig agierende Tochtergesellschaften sich an den Anforderungen der lokalen Märkte orientieren, wird eher eine Tendenz zu einem dezentralen internationalen Beschwerdemanagement bestehen. Weiter bestimmt die Art des internationalen Absatzes die Organisation des internationalen Beschwerdemanagements. Expandiert ein Unternehmen über Absatzmittler in neue Märkte, so besteht eine starke Tendenz zur Zentralisierung des Beschwerdemanagements. Erfolgt ein Markteintritt durch den Aufbau von ausländischen Niederlassungen und Geschäften, so wird die Beschwerdebearbeitung eher den Auslandsorganisationen übertragen, da sie schneller und kundennäher reagieren können. Ist Art und Umfang des Beschwerdeaufkommens in einem Land eher gering, so ist der Aufbau von dezentralen Beschwerdeeinheiten wirtschaftlich nicht vertretbar, so dass es sinnvoller ist, für die Kunden einen leichten Zugang zu einem zentralen Beschwerdemanagement-Center einzurichten. 4.2 Marktbezogene FaktorenAls marktbezogene Faktoren spielen interkulturelle Unterschiede und der ökonomische Entwicklungsstand eine wesentliche Rolle. Je größer die kulturellen Unterschiede zwischen den Märkten sind, desto unterschiedlicher sind auch die Erwartungen der Beschwerdeführer. Diesen unterschiedlichen Erwartungshaltungen kann man regelmäßig nur gerecht werden, wenn zumindest der direkte Beschwerdemanagementprozess dezentral organisiert wird. Bei Ländern mit hoher Wettbewerbsintensität besteht eine stärkere Notwendigkeit für Kundenbindungsmaßnahmen. Die Konsumerfahrung und das Anspruchsniveau der Kunden in ökonomisch weit entwickelten Ländern erfordert die Einrichtung leicht zugänglicher Beschwerdekanäle, was regelmäßig nur über ein dezentrales Beschwerdemanagement realisiert werden kann. 4.3 Entscheidungsprozess zur Findung der richtigen OrganisationsformAus den oben genannten Faktoren lassen sich jedoch lediglich Tendenzen für ein zentrales, dezentrales oder duales Beschwerdemanagement ableiten, da bei diesen Faktoren nicht immer ein gleicher und eindeutiger Zusammenhang zu einer bestimmten Organisationsform besteht. Diese Faktoren erlauben jedoch eine strukturierte Diskussion darüber, ob Teilbereiche des direkten oder indirekten Beschwerdemanagements besser zentral oder dezentral organisiert werden sollten. Wie eine Organisationsentscheidung gefunden werden kann, sei an folgendem Beispiel erörtert.
5 Koordinationsaufgaben des internationalen BeschwerdemanagementsEntscheiden sich Unternehmen (anders als im obigen Beispiel – zum Beispiel bei einer Expansion ins europäische Ausland) nicht für eine der extremen organisatorischen Alternativen, sondern für eine Form des dualen internationalen Beschwerdemanagements, so ist die Leitung mit neuen wichtigen Koordinationsaufgaben konfrontiert. Dazu gehören in erster Linie [3]:
Die Erfüllung dieser Aufgaben stellt eine große Herausforderung dar, da durch die räumliche Trennung die einzelnen Aufgaben des Beschwerdemanagements voneinander entkoppelt sind. Selbst ausgefeilte Koordinationsmechanismen scheitern hier, wenn nicht in der Unternehmenskultur die große Bedeutung des Beschwerdemanagements verankert ist und ein gemeinsames, länderübergreifendes Verständnis über Normen und Werte einer Beschwerdephilosophie besteht. Diese Grundlagen zu schaffen ist eine zuvorderst strategische Aufgabe. 6 ResümeeUnternehmen, die glauben, ihr in Deutschland aufgebautes und bewährtes Beschwerdemanagement einfach auf neue ausländische Märkte übertragen zu können, vergeben Chancen, die ein effektives internationales Beschwerdemanagement bietet. Vielmehr ist eine ausführliche Diskussion zu den vielschichtigen Herausforderungen für alle Aufgabenbausteine des Beschwerdemanagements erforderlich. Auch die Frage eines zentralen, dezentralen oder dualen Beschwerdemanagements stellt sich im internationalen Rahmen vollkommen neu, da sowohl unternehmens- als auch marktbezogene Faktoren zu berücksichtigen sind. Wird das internationale Beschwerdemanagement dual organisiert, so ergibt sich für das nationale Beschwerdemanagement die neue Aufgabe, das internationale Beschwerdemanagement zu orchestrieren. Oliver Rütten
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[1] Stauss/Seidel (2002): Beschwerdemanagement, S. 561 [2] Wegmann, (Diss. 2000): Internationales Beschwerdemanagement, S. 113 ff. [3] Stauss/Seidel (2002), Beschwerdemanagement, S. 567 [4] Der zweite Teil dieses Beitrags beschäftigt sich mit den Auswirkungen einer Internationalisierung des Beschwerdemanagements auf die IT-Infrastruktur und Softwareauswahl.
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