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Business Rule Management

Die Zukunft der Finanztechnologie

Wie Finanzunternehmen ihre Technologie auf künftige Herausforderungen vorbereiten und wettbewerbsfähiger werden können.

 

F

inanzdienstleister stehen zurzeit einigen wichtigen Veränderungen gegenüber. Dazu gehören beispielsweise die richtungweisenden Richtlinien wie MiFID, SEPA oder Solvency II. Sie stellen Banken und Versicherungen vor die strategisch wichtige Herausforderung, ihre IT-Systeme innerhalb enger Zeitfenster an die neuen Vorgaben anzupassen. So müssen sie zum Beispiel zukünftig transparent nachweisen, dass sie ihren Kunden das bestmögliche Produkt mit der höchsten Qualität und dem günstigsten Preis liefern. Dazu kommt, dass EU-Finanzdienstleister seit Januar 2008 neue paneuropäische Zahlungsinstrumente anbieten müssen. Solche Vorgaben, von denen in den kommenden Jahren weitere zu erwarten sind, werden derzeit noch nicht umfassend von den Finanzunternehmen umgesetzt. Stattdessen erfüllen die meisten Banken und Versicherungen gerade die Kriterien, die bis zu einer bestimmten Frist zu verwirklichen waren. Anstatt die gerade geforderten Teilstandards zu verwirklichen, sollten sich Unternehmen schleunigst damit auseinandersetzen, welche technischen Veränderungen in den nächsten Jahren durchgeführt werden müssen, um auch die Geschäftsprozesse und IT-Systeme langfristig konkurrenzfähig zu machen.

Neue Anforderungen an Technologie

Neben den neuen Finanzrichtlinien gibt es weitere Gründe, weshalb Banken ihre IT gründlich auf Vordermann bringen sollten. So zeigt die weltweite Finanzkrise, bei der Banken Millionen durch falsche Investitionen aufs Spiel gesetzt haben, dass sie dringend ihre Rating- und Risikomanagement-Systeme überarbeiten müssen. Die Risiken und Rahmenbedingungen bei der Kreditvergabe sind komplexer geworden und verändern sich fortlaufend. Dabei stehen Banken unter dem ständigen Druck einerseits viele Kredite zu einem möglichst günstigen Preis zu vergeben. Andererseits sollten die Finanzdienstleister möglichst sicher sein, ihre Kredite zuverlässig zurückgezahlt zu bekommen.

Neben den erwähnten Finanzrichtlinien und den Risiken bei der Kreditvergabe gibt es noch eine dritte wichtige Herausforderung, der Banken gegenüberstehen. Es ist die Flexibilität, sich schnell an die sich ständig verändernden Anforderungen des Finanzmarktes und der Kunden anzupassen, um im Wettbewerb bestehen zu können. Finanzunternehmen bieten zwar eine Vielzahl von Produkten und Dienstleistungen an. Allerdings ähneln sich diese Produkte immer mehr. Dies führt dazu, dass sich Banken nur noch schwer von ihren Wettbewerbern unterscheiden können. Das schaffen sie meist nur, wenn sie ihren Kunden einen guten Service und günstige Angebote bieten.

Mehr Flexibilität für mehr Vorsprung im Wettbewerb

All diese Herausforderungen sollten Finanzdienstleister als Anstoß nehmen, um ihre vorhandenen Technologien und IT-Systeme genauer unter die Lupe zu nehmen. Anstatt die gerade geforderten Maßnahmen einzuführen und ausschließlich den damit verbundenen Druck wahrzunehmen, sollten die Unternehmen umdenken. Denn momentan ist genau die richtige Zeit, die Bankensysteme flexibler zu machen und auf künftige Anforderungen vorzubereiten. Mit solchen Systemen können Banken schneller auf die Anforderungen des Marktes und ihrer Kunden eingehen und ihnen problemlos passende individuelle Angebote machen, die sie gerade interessieren. Zudem kann diese Infrastruktur ohne Zeitverlust an Veränderungen angepasst werden. Doch um dies zu gewährleisten, müssen die IT-Systeme und die Technologie der Banken zu großen Teilen modernisiert werden. Diese Modernisierung sollte beim Kern von Geschäftsprozessen beginnen – bei den sogenannten Geschäftsregeln.

Geschäftsregeln als Kern der Prozesse

Die Geschäftsregeln liegen den Abläufen in Unternehmen zu Grunde und steuern als Geschäftslogik diese Prozesse. Die Regeln bestimmen die in einem Geschäftsprozess zu treffenden Entscheidungen. Bei einer Bank lässt sich die große Bedeutung dieser Regeln an verschiedenen Beispielen verdeutlichen. Geht etwa ein Kreditantrag bei einem Finanzunternehmen ein, so legen die vorher definierten Geschäftsregeln fest, bei welcher Einkommenshöhe oder bestimmten finanziellen Sicherheiten ein Kunde die gewünschte Kredithöhe zu dem für beide Seiten günstigsten Preis-Leistungs-Verhältnis erhält. Dabei bestimmten die Regeln außerdem, welche Risikobewertung für den jeweiligen Kunden zutrifft. Erfüllt ein Kunde diese und weitere Vorgaben der Bank nicht, wird der Antrag abgewiesen.

Ein anderes Beispiel für die große Bedeutung von Geschäftsregeln ist die Schadensprüfung bei Versicherungen. Hier helfen Geschäftsregeln nicht nur bei der Zuweisung von Schadensmeldungen an die zuständigen Mitarbeiter, sondern auch bei deren Bearbeitung und bei der Erkennung von Betrugsmerkmalen. Antragsteller beispielsweise in einem festgelegten Zeitraum eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen und nimmt diese in den danach folgenden Monaten in zu häufigen Abständen in Anspruch, als dies die internen Vorgaben der Versicherung erlauben, kann die Auszahlung von Geldern zurückgehalten werden.

Ein weiteres Beispiel für den großen Einfluss von Geschäftsregeln sind Verkaufsberatungen. Sucht ein Kunde beispielsweise nach dem für ihn passenden Aktienpaket, entscheiden die Regeln auf Grundlage von Einflussfaktoren wie Alter, Zielsetzung der Investition, Risikobereitschaft oder des anzulegenden Betrags, welche Investitionsart für den jeweiligen Kunden empfehlenswert ist.

Richtige Entscheidungen als Garant für Erfolg und den guten Ruf eines Finanzdienstleisters

Diese Beispiele machen deutlich, dass die Geschäftsregeln zu einem unerlässlichen Bestandteil der Unternehmensstrategie nicht nur von Banken und Versicherungen geworden sind. Gute und konsistente Entscheidungen können nur getroffen werden, wenn die zugrunde liegenden Regeln jederzeit richtig einbezogen und unternehmensweit aktualisiert werden, sodass keine Veränderungen übersehen werden. Fehler bei der Regelverwendung können schwerwiegende Folgen für das Unternehmen sowie Kunden und Partner haben. Dazu gehören nicht nur finanzielle Einbußen. Eine falsche Empfehlung für ein Aktienpaket kann beispielsweise dazu führen, dass ein bisher loyaler Kunde den Anbieter wechselt und gleichzeitig den Ruf des Unternehmens beschädigt.

Starre IT-Systeme stellen nicht nur Finanzdienstleister vor Agilitätsprobleme

Die Geschäftsregeln steuern zwar sehr wichtige Abläufe im Unternehmen, werden allerdings häufig nicht zuverlässig und einheitlich umgesetzt. Teilweise arbeiten zum Beispiel Versicherungen noch immer mit manuellen und papierbasierten Prozessen, in denen Sachbearbeiter mit langjähriger Erfahrung darüber entscheiden, wie beispielsweise Anträge von Kunden bewertet und weiterbearbeitet werden. Nicht nur Banken und Versicherungen haben mit meist starren IT-Systemen zu kämpfen, die ihnen die schnelle Einführung von Veränderungen unnötig erschweren. Vor diesem Problem stehen auch Unternehmen anderer Branchen. Jedoch machen sich die Auswirkungen mangelnder Agilität besonders im Finanzsektor bemerkbar, der sich vor allem zurzeit rasant weiterentwickelt. Der Grund für die starren IT-Systeme liegt in der Art und Weise, wie Geschäftsregeln eingegeben und verändert werden. Neben den bereits erwähnten manuellen Prozessen gibt es bei Finanzunternehmen zwar bereits IT-basierte Prozesse für die Regelumsetzung. Allerdings sind die Geschäftsregeln fest in die Software einprogrammiert und lassen sich nur sehr umständlich und unter hohem Zeitaufwand verändern. Bei vielen Unternehmen handelt es sich dabei um Hunderte und Tausende von Geschäftsregeln. Diese Zahl wird vor dem Hintergrund der verschiedenen Compliance-Richtlinien und des wachsenden weltweiten Wettbewerbs und Risikopotenzials in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen.

Die IT als wichtiger Einflussfaktor

Dazu kommt, dass viele Banken und Versicherungen ihre Geschäftsprozesse kontinuierlich automatisieren und deshalb gerade dabei sind, bisher mündlich vereinbarte oder manuell angewandte Geschäftsregeln in ihre Software zu übertragen. Die IT-Abteilung nimmt bei der Implementierung und bei der Veränderung dieser einprogrammierten Regeln eine Schlüsselposition ein. Denn alle Formulierungen, die zuvor in der Fachsprache der Unternehmen definiert waren, müssen in technische Sprache übersetzt werden. Ein einfaches Beispiel zeigt, dass die Regeln meist Wenn-Dann-Beziehungen wiedergeben:

 

WENN der Kunde ein Nettohaushaltseinkommen von mindestens 60.000 Euro pro Jahr hat

UND seit mindestens einem Jahr fest beschäftigt ist

DANN kann dem Kunden ein Kredit in Höhe von 80.000 Euro gewährt werden

 

Dieses Beispiel zeigt, wie viele unterschiedliche Einflussfaktoren und Regeln einer einzelnen Kreditvergabe zugrunde liegen. Allerdings sind die realen Fälle in Banken viel komplexer, weil Informationen externer Auskunfteien, aktuelle Risiko- und Ratingsysteme sowie weitere Qualifikationskriterien und Preismodelle mit in die Bewertung einbezogen werden müssen. Da die eigentlichen Experten bei der Kreditvergabe – die Fachanwender in Finanzunternehmen – zwar über das nötige Hintergrundwissen und Erfahrung im Finanzbereich verfügen, nicht jedoch über den technischen Background bei der Übertragung dieser Regeln in IT-Systeme, sind sie auf die IT angewiesen. Problematisch werden die Prozesse der Regeleingabe jedoch, weil den IT-Experten das ausführliche Hintergrundwissen im Finanzbereich fehlt, um die Vorgaben der Fachanwender problemlos und fehlerfrei zu übersetzen. Hier entsteht viel Erklärungsbedarf, der häufig auch zu Missverständnissen zwischen beiden Seiten führt. So hat eine Studie des Marktforschungsinstituts Vanson Bourne im Auftrag von ILOG ergeben, dass 27 Prozent der Entscheider auf Fachseite ein mangelndes Verständnis der IT-Kollegen für die Anforderungen der Geschäftsseite kritisieren. Zudem meinen 34 Prozent der Abteilungsleiter aus den Fachbereichen, dass IT sie zwingt, Geschäftsprozesse an die Vorgaben der IT anzupassen. Dieser Zustand ist für beide Seiten nicht befriedigend und behindert vielmehr die schnelle und flexible Eingabe von Geschäftsregeln und damit die kontinuierliche Anpassung und Weiterentwicklung von Geschäftsprozessen.

Große Bedeutung und Zeitaufwand für IT-Experten

Doch es gibt noch weitere Schwachstellen, die entstehen, weil die IT-Experten einen Großteil der Regeleingabe und -veränderung übernehmen müssen. Sie müssen dafür sorgen, dass die Regeln in den IT-Systemen abgebildet sind und dass die den Geschäftsregeln zugrunde liegende Logik ausdrucksfähig genug ist, um die Komplexität der dahinter liegenden Aussagen zu erfassen. Dies ist ein sehr langwieriger Prozess, der je nach Implementierung und Weiterentwicklung mehrere Wochen oder sogar Monate dauern kann. Neben dem hohen Zeitaufwand ist die Regeleingabe und -pflege in starren Systemen mit zusätzlichen Risiken verbunden. Weil die Wiedergabe der Komplexität so schwierig ist, können Missverständnisse leicht zu Fehlern führen, die nur sehr schwer entdeckt und behoben werden können. Außerdem muss das gesamte System bei Korrekturen oder Implementierungen häufig vollständig aus dem laufenden Betrieb genommen werden. Diese Unterbrechung der regulären Prozesse gefährdet nicht nur die Produktivität sondern auch die Stabilität der Abläufe. Dies ist besonders schwerwiegend und folgenreich für Finanzunternehmen, wenn es sich um geschäftskritische Anwendungen handelt. Wenn die Regeleingabe und -änderung so fehleranfällig ist und zu lange dauert, werden Banken und Versicherungen unflexibel. Speziell in Zeiten harten Wettbewerbs, in dem schnelle Angebotsänderung und eine umgehende Reaktion auf Markttrends große Vorteile mit sich bringen, können starre IT-Systeme das gesamte Geschäft behindern oder sogar lahmlegen. Damit die Unternehmen auch künftig wettbewerbsfähig sein können, brauchen sie flexible Systeme, die Änderungen widerspiegeln, ohne wichtige Geschäftsprozesse zu unterbrechen.

Business Rule Management Systeme als Lösung des Agilitätsproblems

Geschäftsregel-Managementsysteme, sogenannte Business Rule Management Systeme (BRMS), können Unternehmen helfen, die sich täglich verändernden Herausforderungen zu bewältigen. Mit diesen BRMS können Anwender Regeländerungen wesentlich schneller umsetzen, als dies in den traditionellen Entwicklungs- und Eingabezyklen bisher möglich war. Dabei werden die Geschäftsregeln in einem zentralen Repository verwaltet, wodurch eine fachbereichsübergreifende Konsistenz der Unternehmensdaten gewährleistet wird. Die Grundidee eines BRMS ist, die Fachanwender aktiv an der Regeleingabe und Regelveränderung zu beteiligen. Sie können selbst Regeln definieren, eingeben und testen – und das in natürlicher Fachsprache in ihrer gewohnten Dokumentenbearbeitungsumgebung wie beispielsweise Microsoft Office. Neue Anforderungen oder Vorgaben können so zunächst separat beschrieben und festgelegt und einzeln eingepflegt werden, ohne das gesamte System und damit kritische Geschäftsprozesse zu unterbrechen. Diese Vorgehensweise gibt Finanzunternehmen die Möglichkeit, beispielsweise neue Produkte oder Preismodelle jederzeit flexibel eingeben zu können, ohne die regelmäßigen Aktualisierungszyklen der Software abzuwarten.

Fachanwender an die Macht & Entlastung der IT

Ein weiterer Vorteil liegt in der direkten Beteiligung der Fachanwender, denn schließlich sind sie die Experten, die sich mit den finanzrechtlichen und internen Abläufen am besten auskennen. Die IT übernimmt nur noch wenige technische Aufgaben bei der grundlegenden Einrichtung und Anpassung eines Geschäftsregel-Managementsystems. Dazu gehört beispielsweise die Überwachung von Regeländerungen. So entlastet ein BRMS zusätzlich die IT-Abteilung, die sich nun anderen wichtigen Aufgaben widmen kann. Eine zentrale und durchgängige Dokumentation der Regeln und jeder einzelnen Änderung sorgt darüber hinaus für Revisionssicherheit. Dies kommt auch Finanzaufsichtsbehörden zugute, die zum Beispiel die Umsetzung von Compliance-Vorgaben überprüfen müssen.

Unternehmen werden flexibler & konkurrenzfähiger

Automatisierte Geschäftsregel-Managementsysteme bieten nicht nur Finanzdienstleistern vielfältige Vorteile. Unternehmen, die wegen ihrer starren Geschäftsprozesse zuvor nur langsam und schwerfällig auf Neuerungen, Marktentwicklungen und ständig wechselnde Rahmenbedingungen reagieren konnten, sind mit BRMS in der Lage, schnell und flexibel neue Regeln einzupflegen und damit in kurzer Zeit ihre Preismodelle an neue Marktbedingungen anzupassen. Außerdem können Unternehmen neue Produkte mit kürzerer Vorlaufzeit einführen und stattdessen die gewonnene Zeit investieren, um ihr Angebot auf die speziellen Anforderungen ihrer Kunden zuzuschneiden. Mit all diesen Vorteilen verbessern sich letztlich auch der Kundenservice und dadurch die Kundenzufriedenheit, einem kritischen Differenzierungsmerkmal in einem wettbewerbsintensiven Umfeld. Neben den Kosteneinsparungen, die sich durch die schnelleren und weniger fehleranfälligen Regeltests und -implementierungen ergeben, bedeutet dies, dass sich die Unternehmen auf ein sicheres, langfristiges Wachstum konzentrieren können, weil sie viele Risikofaktoren zuverlässig ausschalten.

Burchard Hillmann-Köster

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Burchard Hillmann-Köster, Marketing Manager, ILOG Deutschland GmbH

 

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