20080708d Ägypten als Offshoring-Standort

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Ägypten arbeitet zielorientiert an seiner Zukunft als Offshoring-Standort

Die Wüste lebt

Pyramiden, der Nil, das Rote Meer, viel Sand und große Wüsten – Beim Stichwort Ägypten hat jeder eine Vielzahl von Bildern des nordafrikanischen Landes vor Augen. Bei den zahlreichen kunsthistorischen Schätzen und einer jahrtausende alten Geschichte fällt es dann auch schwer, Ägypten mit modernen Technologien in Verbindungen zu bringen. Dabei hat sich das Land eine IT-Modernisierungsoffensive verschrieben und ist bereits zu einem etablierten Standort für Offshoring-Dienstleistungen geworden, wie die folgende Bestandsaufnahme zeigt.

 

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chon frühzeitig hat die Regierung günstige Voraussetzungen geschaffen, um Ägyptens Weg zu einem High-Tech-Standort zu sichern. Die Regierungsinitiative »Egypt PC 2010« soll beispielsweise sicherstellen, dass, mit Unterstützung des privaten Sektors, bis Ende des Jahres 2010 rund drei Millionen Familien einen PC zu erschwinglichen Preisen erhalten. Darüber hinaus haben staatliche Programme wie »PC for every home« den Aufbau einer eigenen Industrie zum Zusammenbau von Computern gefördert.

 

 

Die Telekommunikationsinfrastruktur zählt mittlerweile zu den modernsten in der Region. Im Jahr 2006 fielen alle Monopole in der Telekommunikation und so teilen sich derzeit drei Anbieter den Mobilfunkmarkt. Aktuell findet sogar eine Diskussion darüber statt, ob der expandierende Telekommunikationsmarkt einen zweiten Anbieter für das Festnetzgeschäft verträgt.

Inklusive der exportierten IT-Dienstleistungen wächst der ITK-Sektor jährlich um 20 Prozent, schätzt Dr. Tarek Kamel, Minister für Telekommunikation und Informationstechnologien. Den Marktforschern von IDC zufolge werden Ägyptens IT-Investitionen weiterhin steigen und bis zum Jahr 2010 voraussichtlich etwa 120 Millionen US-Dollar betragen. Ein Beispiel für die Investitionsfreudigkeit ist der rasche Ausbau der drahtlosen Internet-Zugänge in Wirtschafts- und Touristenzentren. Die von staatlicher Seite unterstützte Initiative »While in Egypt Stay Connected« treibt die Installation von WiFi- und WiMax-Technologien voran. Mit Luxor und Sharm El Sheikh haben im vergangenen Jahr zwei populäre Touristenziele die neuen Zugangstechnologien erhalten.

 

 

Wachstumsperspektive Offshoring.

Mit seiner stabilen Wirtschaft, der reform- und investitionsfreudigen Regierung sowie einer gut ausgebauten IT-Infrastruktur hat Ägypten die besten Voraussetzungen für einen attraktiven Offshoring-Standort. Wie die Analysten der Yankee Group berichten, plant die ägyptische Regierung den Ausbau der Offshoring-Aktivitäten: Im Jahr 2010 sollen IT-Outsourcing und Business Process Outsourcing (BPO) einen Umsatz von 1,2 Milliarden US-Dollar erbringen. Unternehmen wie Cisco, Google, IBM, Microsoft, Oracle und Orange Business Services setzen heute bereits auf IT-Talente aus Ägypten, so die Analysten weiter. Auch der indische IT-Dienstleister Satyam hat einen Standort am Nil eröffnet: Nach Ansicht von Satyam bietet das nordafrikanische Land im IT-Dienstleistungssektor viel Potenzial und wird vor allem als Call-Center-Standort immer beliebter.

Zu den Standortvorteilen für die ITK-Branche zählen die geringen Energiekosten, die niedrigen Löhne, die große Anzahl gut ausgebildeter Arbeitskräfte sowie die geographische Lage mit Zugang zu den Märkten in Europa, Afrika und Asien. Die Nähe zu Europa stellt ein Schlüsselfaktor dar, da Ägypten in der gleichen Zeitzone liegt – ein klares Plus gegenüber Indien oder gar China. Preiswert sind auch die IT-Spezialisten: Abhängig von Erfahrung und Ausbildung, liegt der durchschnittliche Stundenlohn eines Programmierers zwischen 4 und 10 US-Dollar.

Dass die Wachstumspläne der ägyptischen Regierung aufgehen könnten, wird bei einem Blick auf die die Ausbildungssituation und Bevölkerungsstruktur deutlich: Über die Hälfte der Einwohner ist unter 25 Jahre alt. Mehr als 265.000 Universitätsstudenten graduieren jedes Jahr, davon 16.000 an einer technischen Hochschule. Rund ein Drittel der Studenten spricht zwei oder mehrere Sprachen fließend, wobei großer Wert auf akzentfreie Sprachkenntnisse gelegt wird. Derzeit stehen dem Arbeitsmarkt rund 23.000 qualifizierte IT-Kräfte zur Verfügung. Ein weiteres Plus ist Ägyptens langjährige Erfahrung mit der Arabisierung von Software, die sich nach Meinung von Experten weitaus schwieriger gestaltet, als die Anpassung der Produkte für andere Sprachräume. Dies ist ein Grund, warum auch große multinationale Softwareentwickler auf lokale Unternehmen zurückgreifen um ihre Produkte für arabische Kunden umzugestalten.

Energieversorgung ausgebaut.

In Kairo und Alexandria entstehen derzeit mehrere dedizierte Technologieparks für Offshoring-Dienstleister und Call-Center. Neben dem bestehenden Industriepark Smart Village nahe Kairo, der Kapazität für etwa 36.000 Mitarbeiter in 67 Gebäuden bietet, soll innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre das Maadi Contact Center Park im Großraum Kairo für weitere 45.000 Fachkräfte entstehen.

Um die ständig wachsenden IT-Landschaften sowie die weiteren Industrien mit ausreichend Energie zu versorgen, plant die Regierung die Stromerzeugung stark auszuweiten. Obwohl das Land einer der wichtigsten Erdgasexporteure ist und über Ölreserven verfügt, soll die Versorgung auf eine breitere Basis gestellt werden – dabei setzt Kairo auch auf erneuerbare Ressourcen. Immerhin gilt es, den jährlich um 6 bis 7 Prozent wachsenden Energiebedarf zu decken. Branchenangaben zufolge ist die installierte Gesamtleistung jedoch schon heute ausreichend, um die Versorgung von Industrie und Bevölkerung auch während der Spitzennachfrage zu gewährleisten.

Was die Offshoring-Aktivitäten bremst.

Trotz der vielen positiven Rahmenbedingungen in den Offshoring-Ländern wagen nur wenige deutsche Unternehmer die Auslagerung von Prozessen in Niedriglohnländer. Sudin Apte, Analyst bei Forrester Research, sieht generell nur wenige wirklich große Deals in Europa. Während in Großbritannien die Akzeptanz für Outsourcing höher sei, würden auf dem Festland die meisten Betriebe noch in einer Testphase stecken.

Die Gründe für die Zurückhaltung sind vielfältig und von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich. Während sich ein Mittelständler vielleicht noch aus kulturellen Gründen gegen Offshoring entscheidet, spielen bei großen Betrieben noch ganz andere Aspekte eine Rolle. Ein Aspekt ist beispielsweise die industriespezifische Einhaltung von Gesetzen und Richtlinien. Denn wer Geschäftsaktivitäten in ein anderes Land auslagern möchte, muss sich auch mit dem Thema Compliance beschäftigen: Beim Outsourcing von Geschäftsabläufen steigen automatisch die Kontrollanforderungen. Während sich ein interner Ablauf noch vergleichsweise einfach an Richtlinien und Gesetzen ausrichten lässt, ist der Kontrollaufwand für einen verteilten und ausgelagerten Prozess ungleich höher – insbesondere wenn sprachliche und kulturelle Hürden zu überwinden sind. Hier muss also der Mehraufwand für die Compliance-Einhaltung in Relation zu den Gesamteinsparungen des Outsourcing-Projekts gesetzt werden.

Die Kölner SQS Software Quality Systems, Anbieter von Softwaretest- und Qualitätsmanagement-Dienstleistungen, hat den Schritt nach Ägypten gewagt: SQS ist bereits seit Januar 2008 mit einem eigenen Testcenter in Kairo vertreten und will von dort inbesondere Auftraggeber in Deutschland, Österreich und der Schweiz betreuen. Die kulturellen Barrieren sieht SQS offenbar als weniger dramatisch an: »In Kairo gibt es eine deutsche Universität und seit Jahrzehnten drei deutschsprachige Oberschulen«, berichtet Axel Bartram, Mitglied der Geschäftsleitung der SQS Deutschland. »Jedes Jahr machen rund 500 gut ausgebildete deutschsprachige Akademiker dort ihr Diplom«, so Bartram weiter. Dies schaffe ein hervorragendes Fundament für hochqualitative Offshore-Services. Hinzu komme die Unterstützung der ägyptischen Regierung, die das Land am Nil zu einem international anerkannten IT-Standort formen möchte. Mittelfristig rechnet SQS mit einer dreistelligen Mitarbeiterzahl in dem nordafrikanischen Land.

SQS befragte im Jahr 2007 seine Kunden zu geplanten IT-Offshoring-Aktivitäten. Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Teilnehmer gab an, aktiv Offshoring zu betreiben, während lediglich 20 Prozent Offshoring ablehnten. Das größte Risiko sieht die überwiegende Zahl der Unternehmen in den kulturellen Unterschieden: Nahezu drei Viertel der Befragten bezeichneten dies als Hauptrisiko. Bei der Vielzahl von ausländischen Studenten in Deutschland dürfte jedoch mit der Zeit das Grundverständnis für die westliche Kultur auch in anderen Ländern steigen. So verzeichnete das Statistische Bundesamt im Wintersemester 2006/2007 rund 800 Studenten aus Ägypten, bei 178.000 ausländischen Studenten insgesamt.

Ägypten in längst in Deutschland angekommen.

Wie wichtig der deutsche Markt für die ITK-Industrie in Ägypten ist, zeigt sich auch an der Präsenz auf Computermessen: schon seit mehreren Jahren sind ägyptische Unternehmen mit einem Gemeinschaftsstand auf der CeBIT vertreten. Immerhin 15 Aussteller präsentierten dieses Jahr in Hannover innovative IT-Lösungen und Services, darunter auch Xceed Contact Center: Das Tochterunternehmen der Telecom Egypt betreibt seit sechs Jahren ein internationales Call-Center in Kairo, das mittlerweile zu den Größten in der Region zählt. Monatlich bearbeitet Xceed 3,5 Millionen Anrufe aus vier unterschiedlichen Kontinenten in acht Sprachen.

Wer also seinen nächsten Urlaub in Ägypten verbringt, sollte sich nicht wundern, wenn auch am Strand der Internet-Zugang über WiFi funktioniert. Die High-Tech-Industrie ist längst angekommen im Land der Pyramiden und Pharaonen.

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Auf einen Blick: die Wirtschaftssituation in Ägypten

Mit 80 Millionen Einwohnern besitzt Ägypten eine mit Deutschland vergleichbare Bevölkerungszahl, hat jedoch die dreifache Größe der Bundesrepublik. Wichtige Einkommensquelle ist der Tourismus: Für das Jahr 2007 verzeichnete das Land am Nil mit über 10 Millionen Besuchern aus aller Welt einen neuen Rekord und ein Plus von fast 25 Prozent gegenüber dem Jahr 2006. Steil nach oben geht es auch mit den Gästen aus Deutschland, die mittlerweile mit über einer Million Touristen die zweitgrößte Besuchergruppe Ägyptens bilden.

Wirtschaftlich geht es ebenfalls aufwärts: die Privatisierung von Staatsbetrieben und niedrigere Zölle haben dafür gesorgt, dass die unter der Regierung Nazif im Jahr 2004 initiierten Reformen die Wirtschaft ankurbeln. Die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts lag in den Jahren 2004 bis 2006 jeweils zwischen 5,1 und 5,8 Prozent. Auch die Weltbank bescheinigte Ägypten im Jahr 2007 ein hohes Reformtempo. Ein Beispiel für das neue Tempo im Land ist das stark beschleunigte Verfahren für Unternehmensgründungen und der Bürokratieabbau bei Baugenehmigungen. Ausländische Investoren sollen beispielsweise innerhalb von zwei bis drei Monaten operativ geschäftsfähig sein.

Weiterhin fördert die ägyptische Regierung ausländische IT- und Telekommunikations-Investitionen, unter anderem mit Steuervergünstigungen, reduzierten Grundstückskosten, vereinfachten Export- und Importregelungen und der Übernahme der Kosten für die erforderliche Ausbildung der ägyptischen IT-Angestellten gemäß den Vorgaben der Unternehmen. Darüber hinaus wurde das für Neugründungen benötigte Startkapital von umgerechnet rund 5.800 Euro auf nur noch 115 Euro gesenkt. Insgesamt befindet sich die Wirtschaft in einem Transformationsprozess von einer gelenkten Staatswirtschaft zu einer marktwirtschaftlich orientierten Wirtschaft. Größtes Manko ist jedoch die Auslandsverschuldung: die exportierten Güter reichen bei weitem nicht aus, um die Importe zu finanzieren.

 

Investieren in Ägypten

Ägypten ist für ausländische Investoren aus allen Branchen attraktiv: Die deutschen Direktinvestitionen kletterten im Jahr 2007 nach Angaben der Deutschen Bundesbank um 190 Prozent auf 485 Millionen Euro. Größter Handelspartner Ägyptens ist die Europäische Union. Reinhold Schierl, General Manager Strategy & Projects bei BMW, ist davon überzeugt, dass sich die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Ägypten für internationale Investoren durch das im Jahr 2004 gestartete Reformprogramm der ägyptischen Regierung signifikant erhöht hat: »Das Marktpotenzial in Ägypten schätzen wir als sehr hoch ein. Die Regierung hat durch tief greifende Reformen in den letzten Jahren das Investitionsklima deutlich verbessert, was sich am Anstieg der ausländischen Direktinvestitionen ablesen lässt.«

Günstige Aussichten für die weitere Entwicklung der Volkswirtschaft versprechen schließlich auch die Finanzanalysten. Gerrit Weber, Leiter Produktmanagement bei Commerzbank Private Banking, beschreibt die Situation: »Die BRIC-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China) sind zwar die Favoriten innerhalb der Schwellenländer, daneben gibt es aber zahlreiche weitere dynamische Volkswirtschaften, die Anlegern langfristig eine ähnlich attraktive Perspektive versprechen – Länder wie zum Beispiel Ägypten, Südafrika oder Korea«.

Die positiven Rahmenbedingungen sorgen auch in der Wirtschaft für ein gutes Klima. Einer Umfrage des Egyptian Center for Economic Studies (ECES) zufolge erwarten 88 Prozent der befragten ägyptischen Unternehmen ein höheres oder stabiles Wachstum für das erste Halbjahr 2008. Besonders zuversichtlich zeigen sich die Branchen Tourismus, Finanzdienstleistungen, Telekommunikation sowie das produzierende Gewerbe.

 

 

 

 

 

 

 

 

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