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Wie NGN die Kommunikationswelt verändert Der große Wandel Mit viel Begeisterung diskutiert die Telekommunikations-Branche seit etwa acht Jahren das Thema Next Generation Networks. Klassische Anbieter wie die Deutsche Telekom AG, British Telecom oder France Telecom investieren Milliardenbeträge in die Migration zu einer All-IP-Plattform oder planen dies. Angesichts dieser angestrebten oder realen Dynamik stellt sich die Frage, welche Verbesserungen dieses Konzept wirklich bringt und was die Antriebskräfte der Telekom-Industrie für diesen Wechsel sind. Zeit also für eine Bestandsaufnahme, nicht zuletzt auch, um zu erklären, warum es sich um einen echten Paradigmenwechsel handelt, bei dem traditionelle Telekommunikationsanbieter in eine moderne Kommunikationsindustrie umgewandelt werden.
as Schlüsselwort bei Next Generation Networks ist ‚Entkopplung’. In der Wortwahl der ITU heißt das: »Der Service ist unabhängig von der Transportart«. Was so unscheinbar daher kommt, wirft das Verständnis ganzer Generationen von Telekommunikationsanbietern über den Haufen. Bei traditionellen und auch weniger traditionellen TK-Anbietern sind Service und Transport unabänderlich miteinander verknüpft. Jetzt werden sie entkoppelt – mit weitreichenden Auswirkungen. Bisher erhält man mit dem Erwerb eines Handys Zugang zum Kommunikationsnetz und der Mobilfunkbetreiber hat es in der Hand wie der Nutzer ein Telefonat führt, denn er bestimmt wie ein Telefonat übermittelt wird und welcher Diensteanbieter gewählt wird. Im herkömmlichen internationalen Standleitungsgeschäft wird ein Standort mit einem anderen verbunden und Service und Transport sind gleich. Ungefähr seit dem Beginn des neuen Jahrhunderts haben die Telekommunikationsanbieter den Zugang an die Spitze der Wertschöpfungskette gestellt. Aktuell wird dieser Ansatz in Frage gestellt. Entsprechend alarmiert reagieren klassische DSL-Anbieter auf bandbreitenintensive Inhalte und Applikationen wie z.B. Spieleplattformen, Videoportale, die ihr Geschäft zerstören und sie daran hindern würden, in Infrastruktur zu reinvestieren. Wer solche Debatten ernsthaft führen will, muss differenzieren. Eine homogene ‚Telekommunikationsindustrie’ gibt es nicht, sondern unterschiedliche Einsatzbereiche mit unterschiedlichen Anforderungsprofilen, die in vier konstituierende Geschäftsfelder aufgeteilt sind: Breitbandlösungen für Endkunden, Unternehmens-Services, Wholesale-Betreiber und Mobilfunk. Breitband für Endkunden. Im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussionen zum Thema Next Generation Netzwerke steht seit längerem die Transformation der nationalen beziehungsweise der Endkunden-Infrastruktur zu einem All-IP-Netz. Während die Deutsche Telekom AG noch dabei ist, den Übergang auf All-IP zu planen, gehört British Telecom mit ihrem BT 21CN-Netzwerk zu dem Trendsettern der großen, traditionellen Telekommunikationsanbietern. Alles in allem arbeitet europaweit die große Mehrzahl dieser Unternehmen an dem Übergang in die neue Welt der IP-basierten Kommunikation. Die dringendste Herausforderung für Telekommunikationsanbieter im Breitbandmarkt für Endkunden ist die Frage, wie sie mehr Umsätze aus der Bereitstellung immer größerer Internet-Zugänge über DSL oder Kabel generieren können, da der Zugang wegen des Preiskampfs in diesem Bereich immer weniger kostet. Durch die Entkopplung von Zugang und Service in konvergenten Breitbandnetzen haben die Betreiber die Kontrolle über die Inhalte verloren. Der Kunde kann unabhängig von ihnen Dienste von Content-Anbietern wie Google, Yahoo oder Web.de nutzen. Deswegen sind DSL-Anbieter bestrebt, zusätzlich zum Zugang Bezahldienste zu offerieren wie IPTV, VoIP, Video on Demand etc. Diese Dienste erfordern einen bestimmten Grad an Vorhersehbarkeit und Kontrolle, da die meisten dieser Dienste den gleichen Transportweg teilen. Damit sie konsistent und ohne Einschränkungen arbeiten können, muss der Transport dieser Dienste gewährleistet sein, sprich der Provider muss für genügend Kapazität im Netz sorgen, damit es nicht zu Verzögerungen und Paketverlusten kommt. Die Content-Anbieter dagegen setzen voraus, dass das Netz auf der Zugangsebene neutral ist. Viele nutzen das Internet auch offen aus, das sie durch Peer-to-Peer-Verfahren erhalten. Das verschärft das Problem für Dienste-Anbieter, da der Traffic sich um ihr Netzwerk herumbewegt und noch nicht einmal den Interconnect des Content-Anbieters berührt. Über Peer-to-Peer-Verbindungen generieren Kunden selbst Traffic, mit dem sie das Netz so belasten, dass es schwierig wird, dem Kunden kostenpflichtige Mehrwertdienste zu verkaufen. Der etablierte Dienstebetreiber steht – u.a. durch die Bundesnetzagentur – zudem unter Druck, eine neutrale Position bei der Bereitstellung von Access einzunehmen. Diese neutrale Position schmälert die Chancen des Zugangs-Inhabers, aus neuen Diensten Geld zu machen. Wer nicht über Zugang zu den Kunden und den Inhalten verfügt, wird es daher sehr schwer haben, langfristig eine Rolle in diesem Markt zu spielen. Der Ausweg aus diesem Dilemma der Betreiber kann daher nur in der Zugangskontrolle mit Technologien wie PBT über Ethernet liegen, die Dienste-Kontrollpunkte im Netzwerk verteilen. Damit gewinnen sie einerseits wieder Kontrolle über ihr Netzwerk zurück und haben andererseits ein Verfahren um die Datenpakete auch vorhersagbarer durch das Netz zu schicken. Der Geschäftskunden-Bereich ist wahrscheinlich am weitesten bei der Umsetzung von NGN-Programmen. Die meisten internationalen Akteure – haben mittlerweile in einem Fahrplan festgelegt, wie sie mit MPLS/IP ihre bestehenden Frame Relay und ATM-Netze ersetzen (werden). Das Problem im Enterprise-Markt ist ähnlich gelagert wie im Breitbandgeschäft für Endkunden. Genauso wie im Endkunden-Bereich geht es darum, über den zweiten, dritten oder vierten Dienst, der verkauft wird, Geld zu verdienen. Die über das Unternehmensnetz zusätzlich angebotenen Dienste sind klar definiert, doch die Implementierung variiert stark, genauso wie die Flexibilität und Verfügbarkeit. Zusatzdienste wie Voice, Security und Content können alle auf unterschiedliche Art und Weise ausgeliefert werden. Enterprise-Dienste müssen daher so effektiv wie möglich bereitgestellt werden und dem Kunden mehrere Optionen bieten. Letzteres ist äußerst wichtig. Der Faktor Zeit und Vorhersagbarkeit gehören zu den schwierigsten Aufgaben, die Unternehmen zu lösen haben, und das macht die Rolle der IT noch härter als sie bisher schon war. Das Problem bei vielen Enterprise-NGNs ist, dass sie die alten Frame Relay oder ATM-Modelle einfach nur in paketbasierte Informationen gehüllt haben, ohne die Vorteile der ‚Any-to-Any’-Funktionen eines MPLS/IP-Netzwerkes zu nutzen und neue Dienste einfach und wirtschaftlich zu erstellen. Häufig positionieren sich Anbieter von Enterprise NGN weniger als Dienstebetreiber, sondern eher als Systemintegratoren. Damit begeben sie sich in direkte Konkurrenz zu Unternehmen wie IBM. TK-Anbieter entwickeln sich zu Systemintegratoren genauso wie bei Outsourcern der Trend zu Cloud Computing, Utility Computing und adaptiven Netzwerken geht. Dabei streben sie danach, virtualisierte Dienste über das Netzwerk bereitzustellen. Dank der Funktionalität von NGN können TK-Anbieter viel schneller, flexibler und günstiger Dienste entwickeln als Systemintegratoren mit traditionellen Legacy-Systemen. Die NGN-Plattform beschleunigt Design, Bereitstellung und Betrieb von Services wie VPN, VoIP oder Multiplay, so dass bisherige Service-Bereitstellungsverfahren (Migrationen) über alte LAN-Strukturen obsolet werden. NGN im Unternehmensumfeld verspricht, die Art und Weise wie IT-Services ausgeliefert werden, vollständig zu verändern. Sie stehen an der Spitze bei der Industrialisierung von IT-Diensten und machen das IT-Projektmanagement realistisch planbar. Budgetüberschreitungen, mangelndes Einhalten von zeitlichen und anderen Vorgaben, die die IT seit Jahren verfolgen, dürften durch diese Vorhersagbarkeit bald der Vergangenheit angehören. Wholesale Carrier Der NGN-Ansatz für dieses traditionelle Segment des Carrier-Geschäftes sollte weniger reflektieren wie man die Dienstebereitstellung ändern kann, sondern eher vorsichtig darüber nachdenken, ob diese Funktionalität überhaupt aufgebaut werden sollte. Der Wholesale-Carrier ist ein traditionelles Modell als Vorlieferant für das Endkundengeschäft, das geprägt ist von europaweit niedrigen Margen, sinkenden Umsätzen und einer veralteten Infrastruktur. Die Entscheidung, ob man ein NGN-Modell aufbauen oder die eigene Infrastruktur in Richtung eines solchen Modells umwandeln soll, hängt von der vorhandenen Infrastruktur ab. Um im Wholesale Carrier-Geschäft des Jahres 2008 mitspielen zu können, sind Glasfasernetze unumgänglich, und zwar nicht nur eine einzelne Glasfaser-Verbindung, sondern der Zugang zu mehreren Glasfasern. Die Nachfrage nach Bandbreite ist so groß, dass die Industrie selbst mit innovativen Silizium-Prozessoren erstmals die Informationen nicht mehr weiter auf einer einzelnen Glasfaserleitung weiter komprimieren kann. Das NGN-Modell hat aber ausgefeilte Lösungen geschaffen, die es dem Betreiber erlauben, die Core-Infrastruktur auszulagern, so dass er die gleichen kommerziellen Vorteile genießen kann, ohne pan-europäische Organisationen aufzubauen, die ihr Netz unterstützen. Neben dem traditionellen Outsourcing von Bandbreite können Betreiber jetzt auch internationale Sprach-Interconnects (Verbindungen) auslagern und dabei den zusätzlichen Vorteil genießen, dass sie Zugang zu all den anderen Betreibern haben, die auslagern ohne für das Interconnect zu zahlen. Außerdem können sie den Backbone ISP auslagern, so dass sie ein IP-Geschäft wachsen lassen können, ohne sich an dem Wettbewerb beteiligen zu müssen, der aktuell das europäische ISP-Geschäft aufrüttelt. Mobile NGN Während in allen Bereichen des Telekommunikationsmarktes in den letzten zehn Jahren viel Bewegung im Markt festzustellen war, basieren Mobilfunknetze hauptsächlich auf sprach- und datenvermittelnder Technologie. Mobilfunkbetreiber müssen sich aber ebenfalls der Realität stellen und die Herausforderungen der Breitbandrevolution annehmen. Wie können Umsätze im Mobilfunk gesichert oder sogar gesteigert werden, ohne dass dabei die Pforten für neue Anbieter von Diensten geöffnet werden, die den vom mobilen Breitband versprochenen offenen Zugang nutzen wollen? Ein IMS (IP Multimedia Subsystem) ist die Antwort der Mobilfunker auf dieses Problem. Auf Grundlage von SIP (Session Initiation Protocol) baut es eine Reihe geografischer Kontrollen und Beschränkungen für den Nutzer auf, um bei Verbindungen zwischen Umsätzen, Services und Kapazitäten zu unterscheiden. Bis vor kurzem existierten keine Konkurrenztechnologien, so dass der Zeitplan für den Umstieg fast vollständig in der Hand der Mobilfunkbetreiber war. Doch das ändert sich. Denn WLAN- und bald auch WiMAX-Hotspots bieten mit den entsprechenden Endgeräten eine attraktive Alternative, die unterwegs ein echtes Breitband-Erlebnis vermittelt. Die Mobilfunkbetreiber argumentieren dagegen sicherlich korrekt, wenn sie sagen, dass ein umfassender Service mit diesen wechselnden Technologien nicht geboten werden kann. Es ist aber ohne weiteres möglich, dass durch niedrige Kosten und Breitbandverbindungen wichtige Dienste über diese Drahtlos-Techniken genutzt und die GSM/UMTS-Netze marginalisiert werden. Diese werden dann zum Lückenfüller bei schlechter Netzabdeckung degradiert, wie es Satelliten heute bei Glasfaserverbindungen machen. Diese Entwicklung ist noch weit und den Mobilfunkanbietern stehen viele Optionen offen. Sie können ihr Zugangsnetz wie ein Wholesale-Geschäft öffnen und komplette IP-Core-Netze aufbauen oder konvergente Dienste sowohl für Firmenkunden als auch Privatanwender liefern. Ironischerweise ‚bestraft’ dabei gerade die Industrie, die sich Mobilität auf die Fahnen geschrieben hat, den Endverbraucher und Firmenkunden für die spezifische Geografie, in der sie sich gerade aufhalten. Resümee Richtig durchschlagkräftig ist eine NGN-Implementierung, wenn geografische Begrenzungen entfernt werden. Das Konzept von Ländergrenzen ist dem NGN-Ansatz wesensfremd und gewinnt nur an Bedeutung, wenn der Zugang zum Netzwerk geregelt werden soll. Aber selbst mit dem Einebnen der geografischen Grenzen, bleiben beträchtliche Unterschiede in der Geschwindigkeit der Annahme der Technologie und des gesamten Ansatzes. Auf unseren Kontinent bezogen, sind Nord- und Südeuropa am fortgeschrittensten. Deutschland gehört zu den Ländern, die einen langsamen Entwicklungspfad verfolgen. So haben nach aktuellen Erhebungen von Berlecon lediglich 38 Prozent der deutschen Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern ein konvergentes Netz auf Basis von All IP im Einsatz. Auch wenn sich deutsche Unternehmen mit der Einführung von NGN mehr Zeit lassen, dürften langfristig die Vorteile des NGN-Modells wie geringere Kosten, größere Flexibilität und einfache Benutzung überwiegen. Next Generation Networks werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren auch in Deutschland die vorherrschenden Kommunikationsnetze sein. Matthew Finnie _____________________________________________________________________ Matthew Finnie, Chief Technology Officer, Interoute |