20080708h Detecon NGN Neue urbane Lebensqualität

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Veränderte urbane Lebensqualität mit Next Generation Networks

Neue Städte

Die technische Verschmelzung ehemals getrennter Netzinfrastrukturen für Internet, Telefonie, Fernsehen und Mobilfunk zu konvergenten Netzen der nächsten Generation kann vor allem in Städten das Leben bereichern. Zudem steht eine neue Welle der Konvergenz bevor: die Integration von Informations- und Kommunikationstechnik (ICT) in Gebäudetechnik.

 

D

ie Entwicklung stellt Telekommunikationsunternehmen vor neue Herausforderungen. Wenn sie nicht nur Betreiber einer Infrastruktur bleiben wollen, sondern von der ganzen Wertschöpfung in Next Generation Networks (NGNs) profitieren möchten, müssen sie schon heute über neue Geschäftsmodelle nachdenken. Die weltweiten Projekte zum Aufbau so genannter Living Cities bieten dafür eine gute Gelegenheit.

Der lateinische Begriffs »urbs« für »Stadt« leitet sich aus »urbanus« ab, und das steht für Bedeutungen wie fein, gebildet, vornehm. Urbanität beinhaltet damit immer auch eine Lebensphilosophie, in der Bildung und Fortschritt ebenso eine zentrale Bedeutung haben wie Kultur und Unterhaltung. Und wie in Fragen der Mode und des Lebensstils, spielen Städte auch technisch und wirtschaftlich die Rolle eines Versuchslabors für Gesellschaft und Unternehmen. Es sind die städtischen Ballungsgebiete, in denen neue Produkte und Möglichkeiten der ICT zuerst auf ein interessiertes Publikum treffen. Grund genug für die Telekommunikationsunternehmen, sich solche Gebiete als Testlabore für NGN und die damit verbundenen Geschäftsmodelle zu sichern.

 

 

Entwerfen wir zur Illustration daher ein Zukunftsszenario urbanen Lebens an einem Tag des Jahres 2011:

Es ist Sonntag, der Tag der Kommunalwahl und zugleich Tag des lang erwarteten großen UEFA-Spiels. Ein Bewohner unserer Living City verlässt sein Haus mit seinem Mobile Ticket für das Spiel. Dieses beinhaltet einen Fahrschein für den öffentlichen Personennahverkehr sowie einen Instant Replay Service auf dem Mobiltelefon. Einen elektronischen Gutschein über fünf Euro für das nächste Spiel erhält er gleich beim Verlassen des Stadions. Auf dem Weg sieht er einen älteren Passanten, der unglücklich stolpert und stürzt. Der Mann ist verletzt und muss ins städtische Krankenhaus eingeliefert werden. Dort liegt seine elektronische Krankenakte schon bereit, wenn er eintrifft.

Auf dem Heimweg sieht unser Bewohner an der Straßenbahnhaltestelle auf einem City Light-Poster die Markensportschuhe des Torschützen, welche noch vor Spielende dort eingespielt wurden. Mit einem kurzen Klick auf sein NFC-Telefon (NFC = Near Field Communication) bittet der Bewohner um weitere Informationen zu den Schuhen. Noch vor seiner Ankunft zu Hause weiß er, welche drei Läden in der Umgebung die Schuhe am günstigsten anbieten. Mit einem weiteren Klick auf sein Mobiltelefon könnte er sich direkt durch den Laden bis zum Schuhregal navigieren lassen. Auch die Sonderangebote für seinen wöchentlichen Einkauf erreichen unseren Living-City-Bewohner auf dem Handy. Per Knopfdruck kann er die Waren reservieren und bezahlen. Nur abholen muss er sie noch persönlich. Die Ergebnisse der Kommunalwahl liest er per SMS. Seine Stimme hatte er schon vor dem Verlassen des Hauses über einen TTP-Agenten (TTP = Third Trusted Party) online abgegeben. Für alle ICT-Anwendungen nutzt unser Protagonist nur ein Portal, er bezieht viele seiner Endgeräte über denselben Anbieter und erhält eine gemeinsame Rechnung für ICT, Strom und Wasser. Der Anbieter ist ein Public-Private-Partnership (PPP) aus Stadtverwaltung, Energieversorger, Kreditkartenorganisation und Telekommunikationsunternehmen. Die Stadt ist zudem Mitglied im Europäischen Verbund der SMART-ICT-Städte. Glück für unseren Bewohner, denn  das Rückspiel findet in einer dieser Städte statt.

Technologisch ist das beschriebene Szenario heute bereits möglich. Die einzelnen, getrennt von einander genutzten Anwendungskomponenten befinden sich in Form von Diensten wie Smart Home, Bluecasting, UICC, LBS- oder RFID- beziehungsweise NFC-based Proximity Marketing Services schon auf dem Markt. Auf der Netzebene stehen Ubiquitous Sensor Networks, WiBro, FTTH oder 4G-Konzepte bereit. Entscheidend wird  jedoch sein, all diese Komponenten und Technologien zu integrieren. Derzeit liegt diese Aufgabe beim Endkunden. Er muss Endgeräte, Netzanschlüsse und Vertragsmodelle konfigurieren, um von Angeboten wie Video-on-Demand oder anderen datenbasierten Diensten in einem gerade entstehenden NGN-Umfeld zu profitieren. Von jenem zuvor beschriebenen Szenario, bei dem die Dienste aus Endkundensicht aus einer Hand stammen, ist man noch weit entfernt.

Andere Länder, andere Sitten

Weltweit finden sich indes zahlreiche Leuchtturmprojekte für Living Cities, in denen ein Next Generation Network mit seinen vielfältigen Interaktionsmöglichkeiten Wirtschaft, Verwaltung, Entertainmentindustrie, Bürger und Besucher verbindet und auf diese Weise zu einer neuen urbanen Lebensqualität beiträgt. Die Beispiele reichen von Korea über Saudi Arabien und Israel in die Vereinigten Staaten bis nach Belgien. Die verschiedenen Ausprägungen der rund 250 von Detecon identifizierten Projekte lassen sich zum einen durch kulturelle Unterschiede und zum anderen durch die verschiedenen, teilweise konträren Interessen der Marktteilnehmer erklären. Während beispielsweise in Südkorea die »Ubiquitous Cities« Ausdruck eines zentralen politischen Willens sind – dort verfolgt Korea Telecom derzeit über zehn verschiedene U-City-Projekte – und gezielt viele verschiedene Lebensbereiche und Applikationen über zentrale Server gesteuert werden sollen, bleibt der Trend in den USA derzeit noch beim Access (free WiFi) stehen. Selbst innerhalb Europas gibt es unterschiedliche regionale Trends: Während in Mittel- und Südeuropa eher integrierte Telekommunikationsunternehmen die Initiativen treiben, fällt im Norden, insbesondere in Schweden, Finnland, Dänemark und in den Niederlanden die Vielzahl von kommunalen und versorgergetriebenen Open Access Networks auf.

Wesentliche Impulse kommen derzeit auch aus dem Mittleren Osten, wo neue, mehrere hunderttausend Einwohner fassende Städte entstehen, die unter anderem auch das Living City-Konzept verfolgen. Bauträger und Immobilienfonds versuchen sich durch Living Cities von einander zu differenzieren und suchen neue Wertschöpfungsmöglichkeiten. Im Mittleren Osten werden komplett neue Stadtteile und Inseln hochgezogen. Die Handlungsbedingungen sind dementsprechend einfacher als in existierenden Städten, da man keine bestehende Infrastruktur in den Planungen berücksichtigen muss.

Mittlerweile formieren sich sogar supranationale Akteure, um die Interessen der Living Cities zu bündeln. An dieser Stelle seien nur die International Network of E-Communities (INEC), die Asian Network of Major Cities 21 (ANMC21) oder die Digital Cities Convention erwähnt.

 

 

Telekommunikationsunternehmen müssen sich neu positionieren

Vor dem Hintergrund dieser internationalen Entwicklungen müssen sich die Telekommunikationsunternehmen neu positionieren und ihre Rolle als Betreiber einer Netzinfrastruktur um neue Funktionen ergänzen. Durch den steigenden Kostendruck im traditionellen Telekommunikationsmarkt  sehen sich die Netzbetreiber ohnehin schon seit längerem gezwungen, ihre Wertschöpfung in neue Bereiche zu verlagern. Eine bereits sichtbare Strategie der Telkos ist ein Auftritt als Anbieter digitaler Inhalte vom Business-Datendienst bis zum abendlichen Spielfilm, für die das Netz »nur« noch der Vertriebskanal ist. Allerdings stehen sie hier in Konkurrenz zu zahlreichen etablierten Content-Anbietern, die in konvergenten Netzen ebenfalls neue Vertriebskanäle sehen.

Eine Analyse der sich verändernden Wertschöpfung gibt jedoch Hinweise auf Alternativen. Bisher waren im Prinzip vor allem nutzungsabhängige Gebühren für den Netzgebrauch die Grundlage des Telko-Geschäftsmodells. Ein klassisches Business-to-Consumer-Geschäft zwischen Unternehmen und Endkunden. Künftig werden Daten und Dienste einen Großteil der Wertschöpfung darstellen, und zwar vor allem von Anbietern, bei denen weniger die Inhalte selbst im Mittelpunkt stehen, als vielmehr die mit den Inhalten verknüpfte und gewünschte Interaktion mit dem Kunden. Als denkbare Beispiele seien große Handelskonzerne genannt, die ihren Kunden personalisierte und/oder standortbezogene Informationen und Angebote sowohl auf mobilen Endgeräten als auch vor dem heimischen Fernseher machen möchten. Wie im Living-City-Szenario angedeutet, wird auch der Bereich des elektronischen Ticketing an Bedeutung gewinnen. Den Telekommunikationsunternehmen fällt deshalb die Rolle des Mediators zu, der sich bei derartigen Diensten zwischen Business-Anbieter und Endkunde schiebt und so ein Business-to-Business-to-Consumer-Geschäftsmodell erzeugt (B2B2C). Die Wertschöpfung verlagert sich dabei vom Weg zwischen Telko und Kunde (B2C) zum Weg zwischen Telko und Unternehmen, das einen Datendienst lancieren möchte (B2B). Der TK-Anbieter wird zum Enabler, der Inhalte konvergent über alle denkbaren Netzzugänge zur Verfügung stellen kann.

Die Telekommunikationsunternehmen wären damit an einer zentralen Stelle der Next Generation Networks positioniert. Sie übernehmen die derzeit noch vom Endkunden zu leistende Integrationsarbeit, sind gleichsam die Regisseure einer Ende-zu-Ende-Wertschöpfungskette im Web 2.0 Zeitalter und rechtfertigen so nach beiden Seiten ihren Anteil daran.

Living Cities als Chance

Der Aufbau solcher Netze und Geschäftsmodelle im Rahmen von Living City-Projekten findet derzeit vorwiegend in Asien und auf der arabischen Halbinsel statt und betrifft überwiegend neue Agglomerationen. Deshalb werden dort auch die ersten Partnerschaften zwischen ICT-Firmen, internationalen Bauträgern und Kommunen geschmiedet. Hier setzen die Unternehmen heute die eingangs aufgezeigten Zukunftsszenarien für Dienste, Vertrieb, Service und Kundendienst konkret um.

In Europa werden sich Living Cities bei den Telekommunikationsunternehmen in den nächsten zwei bis drei Jahren zwar noch nicht spürbar im Umsatz bemerkbar machen. Doch die Fähigkeit Enabling Services über ein NGN in den wichtigsten Agglomerationen der Welt anbieten zu können, wird über die zukünftige Wettbewerbsposition einer »Telco 2.0« entscheiden.

Lars Theobaldt

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Lars Theobaldt, Detecon International

 

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