20080910w DNV IT Knowledge Management Eurocontrol Skybrary

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Skybrary-Plattform bündelt weltweites Luftfahrt-Sicherheitswissen bei Eurocontrol

Sicheres Wissen fliegt einem nicht einfach zu

Über 30.000 Flüge täglich in Europa stellen extreme Anforderungen an das Management des internationalen Luftverkehrs. Für die Europäische Organisation zur Sicherung der Luftfahrt Eurocontrol, die die Flugbewegungen koordiniert, steht Sicherheit dabei an oberster Stelle. Seit Mai betreibt sie dazu eine Knowledge-Management-Plattform für sicherheitsrelevante Informationen, die in einem ambitionierten Projekt bis zum Jahr 2010 mit dem weltweit verfügbaren Luftfahrt-Sicherheitswissen gefüllt werden soll.

 

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urocontrol, 1963 von sechs Gründungsmitgliedern ins Leben gerufen, hat heute 38 Mitgliedsstaaten. Aufgabe der Organisation ist es zum einen, die Flugsicherung für alle internationalen Flüge im oberen Luftraum der Mitgliedsstaaten zu koordinieren. Zum anderen leistet sie aber auch einen wesentlichen Beitrag zur Ausbildung und Forschung im Bereich der Flugsicherung und führt zahlreiche Projekte zur Steigerung der Effizienz und Sicherheit im Luftverkehr durch.

Den Anstoß für die neue Plattform gab die Safety Improvement Sub-Group (SISG) von Eurocontrol. Diese bringt seit Jahren papierbasiertes und elektronisches Material in Umlauf, um alle Beteiligten über Best Practices zu informieren und so das in der Organisation vorhandene Wissen zu streuen. Doch dieser Ansatz liefert keine einheitliche Bezugsquelle, in der wirklich alle sicherheitsrelevanten Informationen zusammengefasst sind. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte die SISG das Konzept einer Wissensdatenbank, aus der alle Eurocontrol-Mitwirkenden – vom Fluglotsen bis zum Minister – ihr Luftfahrt-Sicherheitswissen beziehen können sollen.

Knowledge-Management-Plattform

Doch damit nicht genug: Das Wissen sollte gebündelt und für Jedermann zugänglich gemacht werden, aber auch ständig von allen Beteiligten erweitert werden können. Damit war die Idee für eine zeitgemäße Knowledge-Management-Plattform unter dem Namen Skybrary geboren. Mitte 2007 fiel der Startschuss für das ambitionierte Projekt, das sich dadurch auszeichnet, dass die Leistungsfähigkeit moderner Internet-basierter Plattformen der zweiten Generation wie Wikipedia mit qualitativ hochwertigen, kontrollierten Inhalten kombiniert wird. Bis zum Jahr 2010 soll Skybrary das weltweit verfügbare Luftfahrt-Sicherheitswissen organisieren und es an jedem Ort zugänglich machen.

Um dieses Ziel zu erreichen, mussten allerdings erst einige Voraussetzungen geschaffen werden. So ist eine solide, aber gleichzeitig flexible Systemarchitektur für das Knowledge Management ebenso notwendig wie nachvollziehbare Content-Management-Strategien. Bei der Suche nach Entwicklungspartnern legten die Projektmanager der Skybrary daher Wert auf profundes Fachwissen zur Architektur von Informationssystemen, Kompetenzen in der Luftfahrt-Sicherheit sowie Erfahrungen in den Bereichen Systemdesign, Systemmanagement und Projektentwicklung. Ende 2007 erfolgte der Angebotsaufruf. Die Wahl fiel schließlich auf die norwegische Stiftung Det Norske Veritas (DNV) mit ihrem Geschäftsbereich IT Global Services und seinen Experten für Wissensmanagement.

 

Die Knowledge-Management-Philosophie von DNV fußt auf drei Säulen:

-       Informationen müssen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort verfügbar sein;

-       Knowledge Management hilft sicherzustellen, dass einem Unternehmen die richtigen Fähigkeiten zur Verfügung stehen, indem es Innovationspotenzial und Kapazitätsplanung verknüpft;

-       effektives Knowledge Management hilft Unternehmen, Best Practices effizienter zu teilen und vermeidet unnötigen doppelten Arbeitsaufwand auch bei hohen Anforderungen im Tagesgeschäft.

 

Angesichts der großen Anzahl potenzieller Nutzer hatte das Projektteam die Entwicklung von Skybrary in verschiedene Phasen zu unterteilen. So mussten im Rahmen der Konzeptentwicklung zunächst hunderte von Eurocontrol-Informationskanälen und –Unterlagen geprüft und durchgesehen werden, um festzustellen, welche Informationsstrukturen in der Organisation etabliert sind. In der zweiten Stufe führte das Projektteam dann eine Reihe von Benutzerkategorien ein – vom Mitarbeiter der Flugsicherung über Manager und Schulungsleiter bis hin zu Piloten. Diese sollten die Basis für eine flexible Architektur bilden, die die verschiedenen Informationsanforderungen der Eurocontrol-Mitwirkenden widerspiegelt.

Information-Sharing-Architektur auf Basis von Mediawiki

Daher haben die Projekt-Designer auf Grundlage dieser Erkenntnisse potenzielle Prototypen für Wissensmanagement-Prozesse und –Architekturen entwickelt. Von zentraler Bedeutung war dabei Flexibilität. Denn zum einen sind die Anforderungen an die Akteure in der Luftfahrt durch sich ändernde Betriebsvorgaben und gesetzliche Bestimmungen in stetem Wandel, zum anderen sollte die Plattform von ihnen sowohl gemeinsam genutzt als auch erweitert werden können. Nötig war also eine ebenso flexible wie solide Information-Sharing-Architektur. Um diese zu erreichen, wurden verschiedene Ansätze geprüft. Schließlich entschied sich das Projektteam für ein abgewandeltes Wiki-Konzept.

Nach der Einigung auf ein Programmkonzept entwickelte das Team ein Content-Management-System. Dabei bestand die besondere Herausforderung darin, dass zwar auf der einen Seite das Interesse von Flugsicherungsprofis und anderen Experten geweckt werden sollte, sich am Ausbau der Skybrary zu beteiligen. Auf der anderen Seite erforderte die hohe Sensibilität der Informationen eine lückenlose redaktionelle Kontrolle der Inhalte. Schließlich geht es um sicherheitsrelevantes Wissen.

Als Plattform für Skybrary wählten die Knowledge-Management-Experten Mediawiki, das freie Wiki-Softwarepaket, das ursprünglich für die Wikipedia geschrieben wurde. Ein bestimmter, in Skybrary platzierter Artikel gilt als Primär-Content und kann Links zu ähnlichen Artikeln oder externen Dokumenten und Quellen enthalten. Im Gegensatz zu Wikipedia setzt Skybrary im Rahmen des Content Management jedoch kein verteiltes, sondern ein zentralisiertes Modell zur Qualitätskontrolle ein.

Dazu sind im Content-Management-Prozess verschiedene Rollen vorgesehen: Autor, Redakteur und Content Manager. Das Redaktionsteam diskutiert, in welche Kategorien geschriebene Artikel eingeordnet werden. Für jede Kategorie ist dann ein Redakteur zuständig, der die Qualität der Beiträge überprüft und diese auch bearbeiten kann. Dabei achtet er nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf die darin genannten Quellen. Denn da Skybrary nicht nur ein Kompendium von Artikeln ist, sondern im weiteren Sinne ein Portal für Luftfahrt-Sicherheitswissen, muss sichergestellt werden, dass von Skybrary ausgehende Links ebenfalls zu qualitativ hochwertigem Content führen.

Der Content Manager ist für das Management der Benutzerrechte in der Skybrary zuständig. Er gewährt Nutzern aufgrund der von ihnen vorgelegten Referenzen den Zugang zur Plattform. Anwender, die nicht selbst Artikel verfassen wollen oder dürfen, können mit der »Request an Article«-Funktion neue Beiträge oder Ergänzungen für bestehende Artikel anregen.

Portale mit Skybrary-Lösungen

Skybrary bietet drei Hauptportale: Betriebsprobleme, Steigerung der Sicherheit sowie Sicherheitsbestimmungen. Jedes dieser Portale verfügt über mehrere Unterkategorien. Es gibt drei Möglichkeiten, in Skybrary zu navigieren: 1. über die Kategoriestruktur; 2. durch Verwendung des Suchmodus und 3. mit Hilfe der Skybrary-Mindmap. Benutzer, die Diskussionsbeiträge einstellen wollen, müssen sich auf der Site registrieren.

Skybrary wird durch eine Reihe zusätzlicher Ressourcen, die »Skybrary-Lösungen«, erweitert. Auch auf diese kann vom Hauptportal der Knowledge-Management-Plattform aus zugegriffen werden. Im Einzelnen sind dies:

1.            Der »Skybrary Bookshelf«: Skybrary-interne Datenbank mit entsprechender Suchfunktion (www.skybrary.aero/bookshelf)

2.            Das »All Clear Toolkit«: Datenkompendium zur Verbesserung der Luft-Boden-Kommunikation (www.allclear.aero)

3.            Das »Level Bust Toolkit«: Datenkompendium zu Vermeidung und zum Management von Flughöhenabweichungen (»Level Busts«) (www.eurocontrol.int/safety/public/standard_page/standart_page_tool_kit.html)

4.            Das »Airspace Infringement Early Action Package«: Datenkompendium zum Thema Luftraumverletzung (www.eurocontrol.int/esp/public/standard_page/early_action_package.html)

5.            Das »Skybrary ICAO Search und Solution Centre«: Community-Site und Suchfunktion mit Frage-/Antwort-Plattform zum Bereich ICAO-Dokumentation sowie einer Suchmaschine für die entsprechende Dokumentation. (www.skybrary.aero/sissy).

 

Das Skybrary-Projekt ist im Mai 2008 in einer ersten Fassung online gegangen, aber noch »Work in Progress«. Dennoch kann es schon heute gute Erfolge verbuchen. So enthält die Skybrary bereits mehrere hundert Artikel zum Thema Luftfahrtsicherheit und stößt auch international auf breites Interesse. Die Eurocontrol-Partner ICAO (Internationale Zivilluftfahrt-Organisation) und Flight Safety Foundation steuern ebenfalls ihren Content zu der Plattform bei.

 

Dieser Erfolg bestärkt das Projektteam in der Überzeugung, dass erfolgreiche Unternehmen ihre Wissensmanagement-Prozesse überdenken und neu entwickeln müssen. Dabei gilt es, zu verstehen, wie Mitarbeiter Informationen einsetzen, auf neue Informationskanäle zugreifen und Entscheidungen treffen. Die Einführung von Knowledge Management und geeigneten Supportsystemen sorgt dafür, dass Wissen in komplexen sicherheitskritischen Umgebungen systematisch erfasst und gemeinschaftlich genutzt werden kann – sei es in der Luftfahrt oder in anderen Industrien.

Dr. Roland Bouchard

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Dr. Roland Bouchard, DNV IT Global Services GmbH

 

 

Kurzvita: Dr. Roland Bouchard ist Expert Consultant bei DNV IT Global Services. Er ist in Deutschland hauptverantwortlich für die DNV ITGS Kernkompetenz Knowledge Management und in den vergangenen Jahren vorwiegend als Projektleiter, unter anderem für Knowledge-Management-Projekte, tätig gewesen.

 

 

Lessons Learned

 

Das Skybrary-Team ist überzeugt, dass es möglich ist, mit »Wiki ähnlichen« Technologien verlässliche Content-Management-Systeme zu schaffen. Allerdings haben die Team-Mitglieder erkannt, dass dies von dem Engagement einer relativ kleinen Autorengruppe abhängt. Weitere Einsichten aus dem bisherigen Projektverlauf sind:

1.       Obwohl die Mediawiki-Autorensprache eine gewisse Gewöhnung erfordert, haben sich die Skybrary-Autoren die wichtigsten Markup-Befehle ohne jede Schulung angeeignet.

2.       Sprachen wie Mediawiki sind an sich nicht auf die Verwaltung von Inhalten ausgelegt. Mediawiki besteht im Wesentlichen aus einer Reihe flach angelegter Seiten und weist in punkto Artikelstrukturierung und -management gewisse Beschränkungen auf.

3.       Um nicht in den Verdacht mangelnder Präzision zu geraten, wurde die Optik und Benutzung von Skybrary anders gestaltet als die von Wikipedia.

4.       Auch wenn die Idee für Skybrary ursprünglich von Wikipedia stammt, hat man sich für dieses Projekt nicht für echtes Collaborative Writing entschieden, wie es auf der Wikipedia-Website üblich ist. Das Programm baut vielmehr auf die professionelle Expertise und die Fachkenntnisse hoch qualifizierter Autoren, Redakteure und Content Manager und setzt dazu kein verteiltes, sondern ein zentralisiertes Qualitäts-Kontrollmodell ein.

 

 

 

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