20090708c IT in der Krise

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IT in der Krise

Markt in der Schwebe

Wer jetzt mit den Investitionen innehält, wird später doppelt gestraft werden.

 

D

ie Börsianer und die, die weiterhin an die spekulative Börse glauben, sind bescheiden geworden: Sie greifen nach jedem Strohhalm. Weiche, gefühlte Indices, die signalisieren könnten, dass der Boden der Krise absehbar ist, werden mit steigenden Börsenkursen beklatscht. Ein Beispiel: In den USA gab es knapp 400.000 Arbeitslose mehr als im Monat zuvor, 500.000 mehr Arbeitslose waren aber erwartet worden. Schon sprangen die Kurse kurzzeitig um 6 Prozent in die Höhe. Andere Beispiele: Von einer gegenüber dem Tiefstand geringfügig gestiegenen Kauflaune oder von etwas positiveren Auftragseinschätzungen auf niedrigem Niveau wird eine mögliche Markterholung abgeleitet. Langsam keimt jedoch mehr Realismus auf: Wieso steigen eigentlich bei anhaltendem Minus-Wachstum im Weltmarkt und Plus-Wachstum bei den Arbeitslosen die Kurse?, fragen sich verdutzt immer mehr Anleger. Und siehe da, in den USA sind im Juni die Arbeitslosenzahlen wieder um knapp eine halbe Millionen emporgeschossen.

Düstere Rahmenbedingungen

Der Realismus sieht anders aus. Die Wirtschaftsweisen in Deutschland sehen weitere, unliebsame Überraschungen auf uns zukommen. Man sei erst am Anfang der Krise, warnen sie. Renommierte nationale und Weltwirtschafts-Institute revidieren ihre Wirtschaftsprognosen nicht nach oben, sondern nach unten. Rund um den Globus wurden Rettungspakete speziell für die Banken geschnürt. Ihr Umfang: in der Summe mehr als 4 Billionen Euro. Sie wurden als Rettung vor dem Kollaps von den systemwichtigen Banken mittlerweile weitgehend ausgeschöpft. Das Prinzip Bad Bank dürfte ähnlich kostspielig werden. Wenn die Banken ihre toxischen Wertpapiere weit unter Wert abschreiben können, der Staat dafür als Bürge eintritt, sind die realen Verluste damit nicht vom Tisch. Der Staat und die Steuerzahler werden sie voraussichtlich tragen müssen: der Staat in Form einer weiter steigenden Verschuldung, der Steuerzahler, der die zusätzlichen Schuldzinsen zahlen muss. Und die Bad Banks stellvertretend für die Geldhäuser und den Staat? Sie werden mit den hoch risikobehafteten Wertpapieren, die die Bankkrise ausgelöst haben, versuchen, ihre spekulativen Geschäfte zu machen.

Gefährliche Schuldenlasten

Systemwichtige Banken, die sich vorbehaltlos der Staats- und Steuergelder bedienen, dass schafft Unmut. In Irland, besonders von der Finanz- und Wirtschaftskrise gebeutelt, kursiert derzeit der Spruch, in Anlehnung an Berthold Brecht: »Was ist schon der Einbruch in eine Bank gegenüber der Gründung einer Bank?« Ganz unberechtigt ist er nicht. Eine Viertel Milliarde Dollar haben Angestellte einer Sicherheitsfirma 2007 aus einer Bank in Bagdad mitgehen lassen. Das war der größte Bankraub aller Zeiten. Die Hypo Real Estate hat bisher 400mal soviel aus dem Rettungsfonds abgezogen – die vom Staat kompensierten Verluste aus giftigen Wertpapieren nicht eingerechnet. Das große Problem: Die Rettungsgelder von Heute und die noch folgen werden, sind die Schuldenlasten von Morgen. Sobald das zarte Pflänzchen >Markt< aufkeimen wird, drohen Steuererhöhungen in allen Industrienationen das schwache Wachstum gleich wieder zu dämpfen.

Welches Szenario wird eintreten?

Wie wird es also weiter gehen? Wirtschaftskenner und solche, die sich dafür halten, entwerfen vier Szenarien. Szenario 1: Eine Deflation als Neuauflage der Großen Depression Anfang der 30er-Jahre. Szenario 2: japanische Verhältnisse mit einer über lange Zeit dahindümpelten Wirtschaft. Szenario 3: eine verhaltene Inflation. Szenario 4: eine Hyperinflation. Die Gefahr, dass das Szenario 1 obsiegt, scheint wenig wahrscheinlich. Dazu müssten auf Dauer drei Ereignisse eintreten: Massenarbeitslosigkeit, fallende Verbraucherpreise und eine sich verstärkende Pleitewelle. Ein über eine Dekade dahindümpelnder Markt wie in Japan, ausgelöst durch die damalige nationale Bankenkrise, ist im System »Marktwirtschaft« nicht denkbar. Japan hatte in dieser Schwächephase den Export als nationalen Marktretter. In der aktuellen globalen Wirtschaftskrise sind beide Märkte, die Binnen- und Exportmärkte, betroffen. Eine Weltwirtschaft ohne nennenswerte Wachstumspotenziale über ein Jahrzehnt hätte keine Überlebenschance. Eine Hyperinflation würde voraussetzen, dass die Regierungen immer wieder neue Staatsanleihen auf den Markt werfen, um Konjunktur- und Sozialpakete finanzieren zu können. Die Rettungsgelder und die Arbeitslosenzahlen werden aber voraussichtlich nicht die Dimensionen erreichen, um die Gelddruckmaschinen in den Notenbanken auf Dauer anwerfen zu müssen. Bleibt das wahrscheinlichste der vier Szenarien, das Szenario 3: eine allmählich steigende Inflation. Dieses Szenario könnte für die Regierungen allerdings zu einem Drahtseilakt werden. Sie werden die Balance zwischen hohen Schuldzinsen, Steuererhöhungen und geringeren Marktwachstumsraten im Vergleich zur Zeit vor dieser Finanz- und Wirtschaftskrise halten müssen.

Sonderkonjunkturpotenziale

Künftig kleinere Marktkuchen und ein durch Steuererhöhungen gedämpfter Konsum: »Angesichts dieser wahrscheinlichsten Entwicklung werden der Wettbewerbs- und Kostendruck für ITK-Anbieter zu ständigen Begleitern werden«, macht sich Torsten Straß, CEO von Logica Deutschland, keine Illusionen. Und diese Entwicklung werde, bis auf wenige Ausnahmen, alle Branchen durchziehen. Als Ausnahmen nennt er die Energieversorgungsunternehmen, die durch Rettungsgelder gestützten Groß- und Landesbanken sowie den Telekommunikationssektor. »Energieversorger sind weniger vom Marktwettbewerb betroffen«, argumentiert er. »Aber sie müssen auf Geheiß der Legislative handeln.« Er nennt als Stichworte Deregulierung, Anreizregulierung und Liberalisierung des Messstellenwesens. So müssen die Energieversorger in Neubauten und bei Sanierungen ab spätestens 2010 sogenannte Smart Meter im Betrieb haben. Straß: »Intelligente Zähler, zentral gesteuert, weisen den Kunden ihren tatsächlichen Energieverbrauch und die Nutzungszeiten aus.« Auch für die Energieversorger hätten die smarten Messer Vorteile: »Sie werden dann den laufenden Energiebedarf genauer verfolgen und Bedarfsprognosen für die Auslastung ihrer Netze realitätsnäher treffen können«, so Straß. Heute müssen die Energieversorger zu Spitzenlastzeiten noch Zusatzkapazitäten aus den Netzen der Wettbewerber beziehen – gegen Zahlung von Durchleitungsgebühren. Den großen Banken sowie den Landesbanken, die sich aus dem Rettungsfonds und der willkommenen Abschreibung ihrer toxischen Papiere bedienen, steht ebenfalls Geld für ITK-Projekte zur Verfügung. Im Telekommunikationsbereich sieht der CEO Konjunkturimpulse durch Maßnahmen der Bundesregierung entstehen, wie der Breitbandstrategie (150 Millionen Euro) und dem Pakt für Beschäftigung und Stabilität in Deutschland (500 Millionen Euro für ITK).

Mehr Qualität und Verbindlichkeit zum gleichen Preis

Umbruch, das heißt Wandel. Das altgriechische Wort >Krisis< wird mit >entscheidendem Wendepunkt< oder >Beurteilung< übersetzt. Das wird auch für die Art und Qualität der IT-Dienstleistungen gelten. Apostolos Dereklis, Bereichsleiter IT Efficiency bei RDS, sieht angesichts einer wachsenden IT-Komplexität den Anspruch der Geschäftskunden an die Professionalität der Beratungs-, Integrations- und Ausführungsdienste steigen. »Und das mit dem Fokus der Kunden auf die Kosten, ohne dafür Einschränkungen bei der Qualität und Verbindlichkeit der Leistungen hinnehmen zu wollen«, unterstreicht er. Aber auch der Bereichsleiter konstatiert: »Die wenigsten Unternehmen werden es sich leisten können, ihre IT-Projekte solange aufzuschieben, bis wieder positive Wachstumsraten ins Haus stehen.« Erstens müssten bis zur Produktionsfähigkeit der IT Vorlaufzeiten für die Projektabwicklung eingeplant werden. Zweitens würden bereits getätigte IT-Investitionen ohne Chance auf Amortisierung gefährdet, wenn Vorhaben wie zur Geschäftsprozess-Optimierung zu lange unterbrochen werden. »Drittens«, so Dereklis, »ist es ratsam, spätestens dann, wenn der Markt wieder anzieht, gut aufgestellt zu sein. Eben, weil dann der Preis- und Qualitätswettbewerb deutlich heftiger sein werden als in der letzten Aufschwungphase«, sensibilisiert er die Entscheider. Der Trend zu mehr Professionalität der IT-Dienste, ohne dafür mehr als heute zahlen zu müssen, noch besser Kosten einzusparen, wird nach Dereklis einen weiteren Trend verstärken: IT-Outsourcing. »Ihr Heil im IT-Outsourcing werden allerdings nur die finden, die den richtigen Partner auswählen«, relativiert er. »Eine hohe Professionalität bei der Bereitstellung von Managed Services, hohe Servicequalitäten, gepaart mit nachweislichen und zugesicherten Einsparungen gegenüber dem IT-Eigenbetrieb sind dafür die Voraussetzungen.« Mit diesen Parametern müssten sich auch Offshore- und Nearshore-Outsourcing messen lassen, wenn diese im Markt ankommen wollten.

Risikofaktor Marktmachtkonzentration

Derweil mit dem Krisenverlauf eine weitere Gefahr heraufzieht: die der Marktmachtkonzentration. In Zeiten des Umbruchs werden die Kleinen immer von den Großen gefressen. Und die Kartellämter: Sie tendieren in marktschweren Zeiten dazu, solche Konzentrationen eher abzunicken. Auch im ITK-Sektor könnte die Krise den ganz großen Herstellern zu Lasten eines freien Preiswettbewerbs zugute kommen. Jan Wildeboer, EMEA Evangelist bei Red Hat, sieht angesichts solcher Tendenzen die Zeit für Open Source Software im doppelten Sinne gekommen. »Erstens, um über die freie Software wettbewerbsbeschränkenden Machtoligopolen im IT-Markt soweit wie möglich entgegenzuwirken. Zweitens, um in und nach der Krise die Kosten für den IT-Einsatz nachhaltig zu drücken.«

Zumal weitere Konzentrationen im IT-Markt unweigerlich zu einer Verstärkung von Produktbindungen, zu inkompatiblen Schnittstellen und zu Preiserhöhungen führen werden. Die Voraussetzungen, die komplette Middleware im Rahmen einer SOA aus Open Source Software zusammenzusetzen, bezeichnet Wildeboer als »noch nie so gut wie heute«. So stünde mit JBoss Enterprise Business Rules Management das komplette Werkzeugset zur Verfügung, um Regeln und Vorschriften für Geschäftsprozesse zu erstellen, zu managen und bei Bedarf schnell zu ändern. Er ist überzeugt: »So können die Unternehmen ihre SOA und Prozessautomatisierung wirtschaftlich voranbringen, ohne im Projektverlauf sowie später im IT-Betrieb und beim Weiterausbau ihrer Architektur das Kostennachsehen zu haben.« Außerdem könnten über eine echte Standardsoftware herstellerspezifische, untereinander unverträgliche Techniken auf Dauer geschleift werden. Wildeboer: »Die Anwender brauchen sich also mit Open Source Software und ohne eine restriktive, proprietäre IT in ihrer geschäftlichen Entwicklung und im harten Wettbewerb nicht länger ausbremsen zu lassen.«

Corporate Responsibility gefragt

»Noch halten sich viele der Unternehmen mit Entlassungen zurück, weil der Staat bis zu 18 Monate Kurzarbeitsgeld einräumt«, beobachtet Dr. Winfried Materna, Geschäftsführer von Materna, Ehrenpräsident der IHK zu Dortmund und Co-Moderator des Initiativkreises Ruhrgebiet. Diese Regelung wurde mittlerweile von der Bundesregierung um eine weitere aufgestockt: Nach 6 Monaten Kurzarbeit werden die Firmen außerdem von den Sozialkosten für die Mitarbeiter befreit. Materna hofft, dass die Unternehmen diesmal ihre Fachkräfte länger halten werden als in der letzten, kleineren Wirtschaftskrise. Auch er prophezeit: »Sie werden ihre Spezialisten, nicht nur innerhalb der ITK, dann, wenn der Markt wieder anzieht, dringender als je zuvor brauchen.« Der Geschäftsführer sieht die soziale Personalverantwortung vor allem beim Mittelstand, nicht nur weil deutsche KMUs fast 60 Prozent aller Beschäftigten stellen. »Schon in der letzten Marktkrise hatte der Mittelstand tendenziell seine Belegschaft gehalten, derweil viele große Unternehmen sich allzu schnell von guten Fachkräften getrennt hatten«, rekapituliert er. Zu guten Zeiten ist es einfach, Corporate Responsibility zu propagieren. »In der Krise zeigt sich, wer CR lebt, es also tatsächlich ernst nimmt«, so Materna. Nach ihm sind motivierte und gut ausgebildete Mitarbeiter weiterhin das eigentliche Kapital und ein wichtiger Erfolgsfaktor innerhalb jedes Unternehmens.

Börsenorientiertes Taktieren ist out

Auf den kurzfristigen Erfolg ausgerichtetes Shareholder-Denken, hingegen, war nicht nur maßgeblich an der Finanz- und danach der Weltwirtschaftskrise beteiligt, so der Geschäftsführer. Diese Haltung führe auch durch reines Profitdenken zu ebenso kurzfristigen Handlungsweisen – »einschließlich der Freisetzung von Personal, um so kurzzeitig die Gewinn-Bilanz zu verbessern beziehungsweise den Verlust zu reduzieren«. So besehen hätten es die AGs unter Börsendruck schwerer als andere Unternehmen, eine nachhaltige Personalpolitik herauszubilden und zu betreiben. Materna fordert die börsennotierten Unternehmen auf, die Sinnhaftigkeit des Shareholder Value kritisch zu hinterfragen. »Sie sollten das kurzsichtige Taktieren durch eine längerfristige Betrachtung der Unternehmensentwicklung mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit und Ethik ersetzen«, unterstreicht er.

Hadi Stiel

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Hadi Stiel ist freier Journalist in Bad Camberg.

 

 

ERP-Leasing als Finanzierungsausweg

Die Banken ziehen die Konditionen an. Selbst kleine Risiken wollen sie nach den gemachten Erfahrungen nicht mehr übernehmen. Oder sie lassen sie sich mit hohen Zins- und Risikoaufschlägen vergolden. So entsteht für die Unternehmen, die trotz Krise investieren wollen, die Kreditklemme. Davon ist auch die IT als Innovationsträger betroffen. Ulrich Ahle, Leiter Segment Discrete Manufacturing & Process Industry bei Siemens IT Solutions and Services, rät den Unternehmen angesichts der Finanzierungsklemme auf IT-Leasing zu setzen. »Es hat für sie in Zeiten knapper Eigenmittel gleich drei Vorteile. Das Eigenkapital wird nicht angetastet, dadurch die Liquidität und Kreditlinie des Unternehmens geschont. In der Bilanz taucht Leasing nicht auf.« Anders beim IT-Kauf: Er schlägt sich auf der Kostenseite der Bilanz nieder. Siemens IT Solutions and Services favorisiert ERP-Leasing, weil es in vielen Unternehmen das Schlüsselsystem für das Geschäft darstellt. »Mit ERP-Leasing können künftige Systemerweiterungen mit in den Vertrag aufgenommen werden«, verweist Ahle auf einen weiteren Vorzug dieser Finanzierungsform. Mit SAP habe der Anbieter für Leasing einen Rahmenvertrag mit Sonderkonditionen und festgelegten Rahmenbedingungen geschlossen. »Dadurch verkürzen sich für ERP-Leasing-Nehmer die Wartezeiten«, so Ahle. Teil der Rahmenbedingungen sind die Bonitäten, bis zu denen ERP-Leasing-Verträge möglich sind. Denn auch der Leasing-Geber will kein zu hohes Finanzierungsrisiko übernehmen.

Die Risikobewertung fällt dennoch im Vergleich zur Darlehensvergabe der Hausbank weit kundenfreundlicher aus. Der ERP-Leasing-Anbieter kennt sein Metier. Für die meisten Hausbanken ist ERP-Leasing hingegen Neuland, in das sie nur mit hohen Zins- und Risikoaufschlägen vordringen. »Deshalb verzichten wir beim ERP-Leasing in der Regel auch auf zusätzliche Sicherheiten wie Bürgschaften oder Eintragung von Grundschulden«, berichtet Ahle. Wie sehr die Unternehmen derzeit unter der Kreditklemme der Banken leiden, hat Siemens IT Solutions durch eine Studie herausgefunden. Befragt wurden 1500 Unternehmen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien, mit erschreckenden Ergebnissen. 55 Prozent der Unternehmen sehen sich aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise mit höheren Kreditkosten konfrontiert. 70 Prozent der deutschen Unternehmen gaben an, dass ihre Kreditlinien von den Hausbanken reduziert wurden.

 
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