20090708d Mit SOA aus der Krise

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SOA in der Krise

Mit einer SOA besser gefeit

Sparen am falschen Ende gefährdet das Geschäft und den ROI.

 

E

in Modell macht Karriere. Oder vorerst doch nicht? Die serviceorientierte Architektur (SOA) war vor der Wirtschaftskrise das Ordnungsmodell, um die IT und IT-Organisation, ihre Services sowie die anvisierten Geschäftsprozesse unter einen Hut zu bringen. Nun, innerhalb der Wirtschaftskrise, könnte sich der große Realisierungsumfang dieses Modells als Hemmfaktor erweisen. In der Regel muss in den Unternehmen an vielen Stellen innerhalb dieses Architekturmodells renoviert werden. Das setzt viel Zeit und erhebliche Investitionen voraus. Sie werden gerade in Krisenzeiten von den Geschäftsführungen und Controlling-Abteilungen argwöhnig beäugt. Die Ausnahmen bilden die SOA-Vorhaben, die schon vor der Krise weit vorangeschritten waren und die Unternehmen, die weniger von den Auswirkungen der Krise betroffen sind. Wie steht es also um die SOA angesichts der Wirtschaftskrise? Manage IT hat nachgehakt.

Jan Wildeboer, EMEA Evangelist bei Red Hat: Die SOA ist ein ehrgeiziges Vorhaben. In großen Unternehmen wird die Projektabfolge Jahre in Anspruch nehmen. Die meisten von ihnen sind in diese Richtung erst gestartet. Mittelständische Firmen werden die Erfahrungen der Großen abwarten, bevor sie umfänglich in die SOA einsteigen werden. Aktuell kommt als Verlangsamung des Vorhabens die Wirtschaftskrise hinzu, mit Folgen: Die Investitionen und Aufwände werden kostenkritischer bewertet. Entscheidungskriterien wie höhere Produktivität und Flexibilität auf IT- und Prozessebene treten zurück. Für eine höhere Produktivität fehlen die Umsatzsteigerungen, es sei denn, sie soll zur Freisetzung von Personal dienen. Die höhere Flexibilität wird im Verlauf der Krise nur die erreichen, deren SOA-Vorhaben weit vorangeschritten ist.

Dennoch sollten die meisten Unternehmen, trotz oder gerade wegen der Wirtschaftskrise, das Vorhaben SOA nicht aus den Augen verlieren. Nicht nur, um für die Zeit nach der Krise und danach eines verschärften Wettbewerbs gefeit zu sein. SOA-Projekte brauchen Zeit. Demzufolge müssen sie frühzeitig strategisch, organisatorisch, prozessoral und technisch angepackt werden. Dabei sollten die Unternehmen wichtige Voraussetzungen beachten, um nicht in zu hohe Projektkosten sowie später in zu hohe Betriebskosten und Hersteller-/Produktbindungen hineinzulaufen. So wird sich die Gefahr, auf die Produkte weniger Hersteller eingeengt zu werden, durch die Wirtschaftskrise und der damit einhergehenden Marktbereinigung verstärken. Was also tun, um diesen Nachteilen bei der Projektierung einer SOA zu entgehen? Die vier goldenen Regeln dafür:

-          auf echte Open Source-Software-Standards bei den Schnittstellen, Protokollen und Formaten setzen

-          den Wirkungsgrad einer SOA über die Domäne nur weniger Hersteller ausdehnen. Das geht nur über den Einsatz beispielsweise von JBoss Enterprise Business Rules Management im Zentrum der SOA

-          die Geschäftsregeln und Vorschriften losgelöst von den Applikationen und IT-Services erstellen, managen und ändern, um dadurch die Abhängigkeit von bestimmten Herstellern und ihren IT-Produkten weiter zu reduzieren

-          dadurch insgesamt die Projektkosten über das gesamte Vorhaben und später im Betrieb und bei Weiterentwicklungen deutlich senken sowie die Flexibilität des SOA-Einsatzes steigern

Jochen Werner, Sales Manager Central Europe Region bei Sterling Commerce: SOA ist die hohe Kunst, eine Architektur zu schaffen, die die IT in sich und mit dem Geschäft flexibel integriert. Dieser Ansatz ist natürlich auch mit Investitionen und Aufwänden verbunden, zudem mit organisatorischen Veränderungen, nicht nur innerhalb der IT. Das alles erklärt, wieso eine SOA meist nur schrittweise realisiert werden kann und sollte. Fehlen zwischenzeitlich die Wachstumsraten, halten allerdings viele Unternehmen bei ihrem Vorhaben inne. Ich halte diese abwartende Haltung für wenig sinnvoll. So wird für alle Unternehmen letztlich kein Weg an einer umfassenden SOA-basierenden Integration vorbeiführen. Nur innerhalb einer SOA laufen die IT und IT-Organisation als Erfüllungsgehilfen mit dem Geschäft und den geschäftlichen Zielen immer synchron. Sie können vor allem schneller auf neue Anforderungen reagieren. Das Aufschieben von SOA-Projekten auf die Zeit nach der Krise zahlt sich nicht aus. Ganz im Gegenteil: Mögliche finanzielle Vorteile bereits getätigten Investitionen und Aufwände kommen nicht zum Tragen. Außerdem besteht die Gefahr, dann, wenn das Geschäft wieder anzieht, nicht so schnell wie die Konkurrenz auf die veränderte Nachfrage reagieren zu können. Die Folge des Innehaltens: Sämtliche Vorteile, die mit einer SOA avisiert wurden, einschließlich der Amortisierung, verschieben sich nach hinten.

Defizite innerhalb der IT-Architektur und damit für das Geschäft, die dringend behoben werden müssten, gibt es mehr als genug. Sie schlagen besonders stark im B2B-Verbund durch. Hier schaukeln sich die Defizite gegenseitig hoch. Das bringt eine Studie von Vanson Bourne im Auftrag von Sterling Commerce an den Tag. Interviewt wurden 300 IT-Manager in Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Vier von fünf der befragten Unternehmen haben Schwierigkeiten mit ihrer bestehenden B2B-Infrastruktur. Ein weiteres Problem, das unmittelbar mit fehlenden Strukturen, einer unzureichenden Integrationsstrategie und einer ungeordneten IT-Architektur zu tun hat: Ein Drittel der Befragten geben zu, bei der Integration ihrer B2B-Systeme mit den internen Anwendungen auf Schwierigkeiten zu stoßen. Sie werden sich mit jedem Integrationsschritt tiefer in die B2B-Infrastruktur verstärken. Und: Probleme bei der Anwendungsintegration schlagen sich in der bereits genannten mangelnden Flexibilität der IT und des Geschäfts nieder. Mehr als die Hälfte der interviewten Unternehmen räumen ein, selbst für kleine Veränderungen an Geschäftsprozessen mindestens drei Tage zu brauchen. Zu alledem steigt das Daten- und Transfervolumen, weil die Unternehmen durch die Krise näher zusammenrücken. Firmen, die das nicht bewerkstelligen können, werden mit ihrem Geschäft außen vor bleiben.

Maik Bauschulte, Fachspezialist im Bereich IT-Strategie der GAD eG: Die Bankenbranche steht als Auslöser der Wirtschaftskrise unter besonders hohem Druck, künftig koordinierter zu handeln. Das gilt nicht nur für die Finanzgeschäfte, sondern auch für ihre IT-Aufstellung. Dabei hängt beides, IT und Geschäft, unmittelbar zusammen. Nur wenn sie ihre IT-Architektur und -Organisation in der Form ordnen, dass beide die Geschäftsprozesse – intern, mit externen Partnern und gegenüber Kunden – unterstützen, werden sie ihre IT effizient, transparent und flexibel gestalten können. SOA ist nach wie vor für den Bankenbereich besonders wichtig. Die Transparenz und Flexibilität brauchen die Geldinstitute, um ihre Prozesse und Verfahren in sich stimmig und beweglich den sich stetig verändernden Marktrahmenbedingungen anzupassen. Die Antwort vieler Banken auf die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise ist die Auslagerung von Prozessen und Verfahren, sofern sie nicht zu ihrer Kernkompetenz gehören oder nicht rentabel sind. Auch das funktioniert nur aus einer transparent und flexibel aufgestellten Service-orientierten Architektur heraus. Parallel müssen die Banken, um wieder besser ins Geschäft zu kommen, ihr Produkt-Portfolio neu ordnen und über den Point-of-Sale näher an die Kunden und potenziellen Kunden rücken. Auch dafür ist die SOA die richtige Antwort, ergänzt um mehrmandantenfähige Funktionalität, in die alle wichtigen Informationen über die verschiedenen Vertriebskanäle einfließen. Auf diese Weise stehen den Prozessbeteiligten alle wichtigen Daten zur Verfügung, um ihre Kundenakquise, ihre Kundenberatung und ihren Kundenservice gezielt voranzubringen. Diese Prozess-Flexibilisierung ist auf Basis einer SOA erreichbar. Darüber hinaus wird darüber eine höhere Agilität am Point-of-Sale erreicht. Mit Hilfe einer SOA werden IT-Services und die darunter liegenden IT-Systeme mit den Beteiligten an den einzelnen Wertschöpfungsprozessen optimal verknüpft.

Aufgrund dieser fachlichen Anforderungen hat die GAD als IT-Dienstleister für Banken das mehrmandantenfähige Kernbankensystem »bank 21« nach dem Modell der SOA realisiert. Es kann in mehrere logische Subsysteme unterteilt werden. Das ermöglicht, einzelne Aufgabengebiete und Funktionen bis hin zu komplexen Wertschöpfungsprozessen koordiniert an Dienstleister zu übertragen. Auf diese Weise werden die externen Mitarbeiter zu vollwertigen ´virtuellen` Mitarbeitern der Bank.

Andreas Vogt, verantwortlich für den Bereich Managed Services bei Wincor Nixdorf: Mit dem Aufbau einer SOA können die Unternehmen die Grundlage dafür legen, dass sie gestärkt aus der jetzigen Marktsituation hervor gehen. So ist die SOA für die Unternehmen die einzige Möglichkeit, ihre IT und IT-Services in Koordination mit ihren Geschäftsprozessen aufzusetzen und zu betreiben.

Die meisten Unternehmen stehen aber in punkto SOA noch am Anfang oder haben nur Teile innerhalb dieser Architektur realisiert. Ihr Elan, in ihrem Vorhaben fortzufahren, wird durch die schwierige Wirtschaftslage gebremst. Dabei könnte eine SOA gerade jetzt helfen, sich effizienter aufzustellen und sich auf die Kernkompetenzen zu konzentrieren. Dazu koppelt eine SOA IT, Services und Prozesse derart, dass Teile darin koordiniert abgegeben werden können und dennoch mit den Teilen, die im eigenen Haus verbleiben, nahtlos harmonieren. Parallel wird die Flexibilität der IT gesteigert, angemessen und schnell im Markt zu agieren.

Ein Beispiel aus der Praxis verdeutlicht, welche neuen Business-Modelle auf Basis einer abgestimmten SOA möglich sind. Die Shell-Stationen in Deutschland werden derzeit von Wincor Nixdorf sukzessiv mit Postbank-Automaten ausgerüstet, damit die Kunden dort wie in ihrer Bankfiliale normale Bankdienste nutzen können: Geld abheben, einzahlen, überweisen, Kontostand abrufen sowie Geld oder Handykarte aufladen. Für beide Seiten, Shell und Postbank, ist das eine Win-Win-Situation. Sie entsteht erst durch eine SOA-bedingte Flexibilisierung der IT. Als ähnlich profitabel können sich Multifunktions-Geldautomaten in allen Branchen erweisen, in denen Anbieter eine ausgeprägte Filialstruktur unterhalten. Denn auf Basis einer SOA können kostensparende Prozesse mit hohem Automatisierungsgrad in Gang gesetzt werden. Oder Unternehmen können innerhalb eines B2B-Verbunds Kassensysteme einsetzen, um automatisiert zu zahlen und diese Zahlungen direkt in ihrem ERP-System zu verbuchen. Der Lohn: Zahlungsfristen können ausgereizt werden, ohne Skonti aufs Spiel zu setzen. Die Transaktionen erfolgen automatisch und frei von manuellen Fehlern. Für Compliance und eGovernance sind alle Transaktionen jederzeit lückenlos nachvollziehbar. Nur Unternehmen, die in eine SOA investieren, werden künftig von solch ambitionierten Business-Modellen profitieren.

Apostolos Dereklis, Bereichsleiter IT Efficiency bei RDS Consulting: Das SOA-Vorhaben ist in Krisenzeiten viel zu langwierig und kostspielig. Dafür müssen Investitionen, die IT-Infrastruktur und die Applikationen buchstäblich auf den Kopf gestellt werden. Der Ballast der SOA ist sozusagen Gift in einer Zeit, in der Kostenreduzierungen durch Teilprojekte oben an stehen und sich Qualitätsgewinne binnen eines Jahres auszahlen müssen. So dürfte einem Unternehmen, das Umsatzverluste zwischen minus 30 Prozent und minus 70 Prozent schreibt, derzeit kaum erklärbar sein, wieso es gerade jetzt den finanziellen, organisatorischen und technischen Gewaltakt SOA wagen sollte.

Nur für Unternehmen, die in diesem Vorhaben schon weit vorangeschritten sind, lohnt es sich eventuell, den Mehrwert dieser serviceorientierten Architektur kritisch zu hinterfragen und die fehlenden Projekte zu komplettieren. Sie haben zumindest eine Chance, von den Vorteilen dieser Architektur – Kosteneinsparungen, eine serviceorientierte IT, eine schlagkräftigere Geschäftsaufstellung sowie eine höhere Flexibilität der IT und des Geschäftsauftritts – noch im Verlauf dieser Wirtschaftskrise zu profitieren. Für alle anderen kommt das Langzeitprojekt SOA, um diese Krise besser zu durchstehen, einfach zu spät. Leider trifft dies fast für jedes Unternehmen, selbst für Großunternehmen, zu. Denn hier ist in punkto SOA der Status eher der einer Mondlandung innerhalb einer kargen, schroffen Landschaft. Ich habe bisher noch keine ´florierende` IT-Landschaft gesehen, die durchgehend durch SOA beherrscht wird.

Dennoch kann es lohnen, die Service-Orientierte Architektur für die Zeit nach der Krise nicht aus den Augen zu verlieren. Dann, wenn den Unternehmen finanzielle Mittel wieder reichlicher zur Verfügung stehen und der Return-on-Investment (ROI)-Horizont mittelfristig bei drei bis vier Jahren liegen wird. Bis dahin ist für fast alle Unternehmen eine abwartende Haltung die bessere, weil krisenangemessenere Strategie.

Hadi Stiel

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Hadi Stiel ist freier Journalist in Bad Camberg.

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