20090708m Datenschutz und Sozialethik

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Die dunklen Seiten von Datensammlungen und Compliance

Datenschutz und Sozialethik auf der schiefen Bahn?

Die Geschäfte werden zunehmend digital abgewickelt. Was früher offensichtlich auf Papier stand, tritt heute in elektronischer Form in den Hintergrund. Dort haben sich riesige Datenbestände aufgetürmt. Sie werden, eben weil im Hintergrund, über intelligente Filter- und Analysemechanismen auch zu illegitimen und nicht sozial verträglichen Ergebnissen genutzt.

 

D

igitale Bearbeitungswege, weil uneinsichtig und flüchtig, entziehen sich für die daran Beteiligten und Betroffenen der Überwachung. Compliance und E-Governance sollen mehr Licht ins Dunkel digitaler Vorgänge bringen. Doch auch ihre Registrierungs- und Überwachungsmechanismen laden zum Missbrauch ein. Die Folgen: Der Datenschutz und die Privatsphäre von Mitarbeitern und Bürgern drohen immer mehr unter die Räder zu kommen.

Mit der Öffnung zum Internet werden Kundendaten im Hintergrund gehandelt wie auf einem Basar. Je differenzierter sie Auskunft über die Vorlieben geben, umso lukrativer fällt für die schwarzen Schafe das Geschäft aus. »Die Hemmschwelle beim Umgang mit persönlichen Kundendaten senkt sich«, registriert Thomas Gläsner, verantwortlich für den Bereich Geschäftstransformation beim IT-Dienstleister Logica. Er macht einen direkten Zusammenhang zwischen der zunehmenden Hinwendung der Unternehmen zu Internet-Geschäften und dem Verfall der Sitten aus. »Das wirtschaftliche Interesse an gläsernen Kunden ist groß, weil so die eigenen Offerten gezielter an den Mann respektive die Frau gebracht werden können«, erklärt er. Im Hintergrund werden ausgefeilte Filter- und Analysewerkzeuge genutzt, um keine Verkaufschance außer Acht zu lassen. Bedenklich sind die Folgen: »Die Kunden werden über alle Kanäle aggressiv mit Angeboten adressiert. Viele sehen sich in der Konsequenz als Individuum buchstäblich ausgezogen.« Gläsner wähnt deshalb das Web der zweiten und dritten Generation als gefährdet. »Die Anbieter werden künftig verhaltener, sorgsamer und verantwortungsbewusster mit den mitgeschnittenen Profildaten ihrer Kunden umgehen müssen.« Andernfalls könnten sich die Kunden schnell enttäuscht von Internet-Käufen abwenden. Bei einigen großen DAX-Unternehmen finde immerhin in punkto Kundenakquise und Datenschutz ein Umdenkprozess statt. Anders bei den Internet-lastigen Anbietern; »Sie reizen alles aus, was geht«, so Gläsner.

Peter Schaar, Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, moniert Adressverkäufe, Kontenweitergaben und die Überwachung von Kunden. An die Adresse des Staates fordert er auf, Datenvorratshaltungen und Online-Recherchen zurückzuführen. Datenaffären wie Deutsche Telekom, Deutsche Bahn, Airbus, Lidl und Müller führen drastisch vor Augen, welche Dimension der Missbrauch von Kunden-, Partner- und Mitarbeiterdaten auch bei klassisch aufgestellten Unternehmen angenommen hat. Im ersten Fall wurden gleich mehrfach Kundenverbindungsdaten, so unter anderem an das Bundeskriminalamt (BKA) weitergereicht. Alle vier Anbieter haben sich mehrfach der Daten eigener Mitarbeiter bedient, ohne den Betriebsrat zu unterrichten. Nach Einschätzung von Mathias Hein, freier IT-Berater in Neuburg an der Donau, sind die bisher aufgedeckten Datenaffären nur die Spitze des Eisbergs. »Die professionellen Filter- und Analysemechanismen und die reichlich gefüllten Datentöpfe verführen zahlreiche Top-Manager dazu, illegale Wege zu gehen.« Dazu käme ihnen die im Hintergrund verdeckt ablaufende Prozesse entgegen. »Bestenfalls die Top-Manager sind noch in der Lage, die digitalen Abläufe und Datenbewegungen im Unternehmen zu überblicken.« Hein: »Datenaffären werden nur publik, wenn auf oberster Etage politische Lecks entstehen, der Systemadministrator aus Gewissensgründen nicht still hält oder schlicht und einfach Pannen passieren.« So wenn die erfassten Krankheitsdaten zu den Lidl-Mitarbeitern versehentlich ausgedruckt werden und in einem Müllcontainer landen. Was Hein besonders wundert: »Hinter mehr als der Hälfte der bisher bekannt gewordener Datenaffären stecken Ex-Staatsunternehmen, obwohl es davon nur eine Handvoll gab.«

Ob Maßnahmen wie E-Governance und Compliance solchen Fehlentwicklungen einen Riegel vorschieben können, ist fraglich. »Solange sich das Management bei Finanzdienstleistern und anderen Unternehmen von Audits und Reports ausnimmt, wird beides, E-Governance und Compliance, ins Leere laufen«, schätzt Dr. Karsten Füser, Verantwortlicher für Qualitäts- und Risikomanagement im Finanzbereich bei der Unternehmensberatung Ernst & Young, ein. Ihre grundsätzliche Einstellung müsse sich ändern, was sich, bedingt durch die Finanzmarktkrise, zumindest andeute. Füser gibt sich optimistisch: »Einmal etabliert, werden die neu entwickelten E-Governnce- und Compliance-Richtlinien den gewünschten Effekt entfalten – sofern das Top-Management die Einführung vorbehaltlos mit trägt«, wie er einschränkt. Wohin eine mangelnde Überwachung und Kontrolle führe, so Füser, habe der Finanzsektor gezeigt. »Viele Akteure haben im Dschungel der Digitalisierung ihrer Finanzgeschäfte und falsch gesetzter Prüfungen buchstäblich den Überblick über die Risiken verloren.« Systemische Probleme sind aber nicht auf den Finanzsektor begrenzt. Dass beispielsweise E-Governance nicht jedes Top-Managers Liebling ist, hat Ernst & Young schon vor drei Jahren durch eine Fraud-Studie im deutschsprachigen Bereich herausgefunden. Zwei Drittel aller Finanzbetrüger sind Manager, die von ganz oben zugreifen, so das Ergebnis. Sie fügen ihrem Unternehmen aufgrund ihrer Verfügungsgewalt einen überproportional hohen Schaden zu. Füser spricht deshalb von einem ethischen Bewusstseinsruck, der durch die Gesamtwirtschaft gehen müsse. Dazu gehöre auch, endlich mehr für den Datenschutz und das Recht auf Privatsphäre der Mitarbeiter und Bürger einzustehen.

Bisher ist von diesem Wandel wenig zu verspüren. Zahlreiche Top-Manager unterstreichen mit ihrer Bonus-Mitnahmementalität, dass sie ihre eigenen Geschäftsinteressen weit höher bewerten als soziale Belange und die Datenschutzinteressen ihrer Mitarbeiter. Die Krise könnte die Neigung vieler Unternehmenslenker noch verstärken, sich, solange es geht, zu bedienen oder, unter Kostendruck und vorbei an gesellschaftlichen und politischen Regeln, das Mögliche aus ihrem Unternehmen herauszuholen. Erwin Schöndlinger, Geschäftsführer des Sicherheitsspezialisten Evidian Deutschland, verfolgt: »Die Unternehmen aller Branchen müssen verantwortungsbewusster mit persönlichen Daten umgehen.« Das beginne damit, vor der Erfassung, Speicherung und Archivierung im Rahmen des eigenen Geschäftsmodells deren Inhalt, Bedeutung für das Unternehmen, aber auch die langfristigen Konsequenzen für das Unternehmen und die Gesellschaft abzuwägen. So würden viel zu viele Daten aufgenommen, gehortet und verarbeitet werden, die in keinem direkten Bezug zum Geschäft oder zu notwendigen E-Governance- oder Compliance-Auflagen stünden. »Schon heute rauben förmlich explodierende Datenbestände und die Befolgung oft unnötiger, meist selbst auferlegter Regelungen den Mitarbeitern viel an Motivation und Produktivität«, sagt Schöndlinger. Ein weiteres Problem eines ungezügelten Daten- und Bearbeitungswachstums sei, dass auf dieser unübersichtlichen Basis kaum etwas kontrolliert und geregelt werden könne, weil keine Transparenz herrsche. »Eigentlich müssten Datenbestände und Vorgänge zuerst dereguliert, also vereinfacht und entflochten werden, bevor nachhaltig etwas geregelt werden kann«, erteilt er einer unreflektierten und unvorbereiteten Regulierung eine Absage.

Vielleicht hat das unreflektierte Sammeln und Horten digitaler Informationen für viele Unternehmen – und nicht nur für sie – System. Intelligente Filter- und BI-Werkzeuge durchstöbern mittlerweile gigantische Datenbestände in Sekunden und liefern komplexe Auswertungen in Minuten. Heute scheinbar belanglose Daten könnten morgen, je nach Ausrichtung der Recherche, entscheidend zu Ergebnissen beitragen. Auditing und Reporting, die einerseits dazu angetreten sind, im Sinne von Compliance und E-Governance legitimes Licht ins Dunkel zu bringen, liefern andererseits detaillierte Mitschnitte, um Mitarbeiter und Bürger besser zu überwachen und zu beeinflussen. Solange Sozialverantwortung und Sozialethik das Handeln bestimmen, bewegen sich beide Maßnahmen im grünen Bereich. Was passiert aber, wenn andere Beweggründe wie Gier, Macht und Beherrschungswahn überhand nehmen? Dann gehen solche Maßnahmen und Techniken auf Kosten des Datenschutzes, der sozialen Ethik und Ausgewogenheit, schließlich der Demokratie.

Rein betriebswirtschaftlich gesehen spricht alles dafür, weder mit den Datensammlungen noch mit den Compliance- und E-Governance-Vorkehrungen zu übertreiben. »Mit einer wachsenden Komplexität schwindet, trotz Einsatz technischer Hilfsmittel, die Beherrschbarkeit. Zu viele, unnötige Regeln gehen auf Kosten der Transparenz. Sie führen zu überbordenden Unternehmensstrukturen, mehr Bürokratie und zusätzlichen Schlupflöchern, die es eigentlich auszumerzen gilt«, sagt Wolfgang Kemna, CEO der Zetvisions AG. Auch Kemna wendet sich als Compliance- und E-Governance-Spezialist gegen den aufkommenden Regelwildwuchs. Zumal zuviel des Guten eine effiziente und effektive Unternehmenssteuerung und Risikoabwehr erschwere. Er plädiert für eine Balance zwischen produktiven Freiräumen und zwingenden, generell aber produktivitätshemmenden Regeln. »Das Quartett aus Compliance, E-Governance, Unternehmenssteuerung und Risikomanagement muss außerdem organisationsweit mit der technischen und Prozessinfrastruktur zusammenspielen, wenn es Früchte tragen sollen«, sagt er. Auch das mache es dringend ratsam, soweit wie möglich zu vereinfachen anstatt weiter zu verkomplizieren.

Die Datenschützer und Sozialethiker, die die bisherige Entwicklung mit wachsender Sorge betrachten, würden diese Begrenzung auf das Notwendigste begrüßen. »Der Elan bei Datensammlungen und bei der Etablierung von Vorschriften und Regeln werden wichtige Indikatoren dafür sein, welcher Geist und welche Absichten tatsächlich hinter diesen Maßnahmen stecken«, konstatiert Padeluun vom Foebud (Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs e. V.). Das gelte sowohl für die Unternehmen in der Rolle als Anbieter als auch den Staat mit seinen Behörden. »Beide«, so Padeluun, »werden maßgeblich mitverantwortlich dafür sein, ob die Krise ein Umdenken fördert oder Datenschutz und Sozialethik noch weiter unter die Räder kommen werden.«

Hadi Stiel

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Hadi Stiel ist freier Journalist in Bad Camberg.

 

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