20100304cb Cloud Computing kommt, aber langsam

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Cloud Computing kommt, aber nur langsam

Heiter bis wolkig, teils Regen

Cloud Computing wird von Marktanalysten wie IDC (International Data Corporation) und Gartner als Technologie mit Zukunft herausgestellt. Die Betonung dürfte dabei auf »Zukunft« liegen. Denn bis Cloud Computing via Internet umfänglich und für die Anwender zufriedenstellend umsetzbar sein wird, müssen noch einige technologische und organisatorische Lücken gefüllt werden.

 

B

is dahin werden aus der öffentlichen Wolke heraus für die Anwender oft nur Teillösungen infrage kommen, für die sie bereit sind, die Betriebsverantwortung an einen Service Provider abzugeben. Und: Diese externen Cloud-Services müssen mit der eigenen Unternehmens-IT harmonieren. Wir haben einige IT-Anbieter nach ihrer Einschätzung rund ums Cloud Computing befragt.

Jan Wildeboer, EMEA Evangelist bei Red Hat in Deutschland: Die Basis für Cloud Computing, ob über eine externe oder interne Wolke, bildet die Virtualisierung der Rechner. Sie wird derzeit, trotz oder gerade wegen der widrigen Marktrahmenbedingungen, von vielen Anwendungsunternehmen vorangetrieben. Immerhin stecken für sie in der Virtualisierung der Server über eine erheblich bessere Ressourcenausschöpfung erhebliche Kosteneinsparungen. Sie fallen besonders dann hoch aus, wenn sich der Anwender von proprietären, herstellerbindenden Server-Zuschnitten löst, statt dessen auf interoperable Open Source Software (OSS) auf Basis von Linux setzt. Im Unternehmen die Server-Virtualisierung voranzutreiben, dafür spricht neben erheblichen Kosteneinsparungen ein weiterer triftiger Grund: Nur so schaffen sich die Unternehmen die Basisvoraussetzungen für Cloud Computing, unabhängig davon, ob sie es in Eigenregie betreiben oder via Internet auf externe Cloud-Services zurückgreifen. So wird sich noch auf Jahre Cloud Computing aus intern erbrachten und extern abgerufenen Services formieren.

Dennoch ist es für die zweite Alternative, Abruf externer Services, schon heute wichtig, die Strategie, Aufstellung und Präsenz des Konsortiums aus IT-Lieferant und Service Provider zu kennen. Nur wenn die Partner in allen drei Punkten progressiv voranschreiten, wird der Anwender heute und morgen auf externe Cloud-Services nach Bedarf ergänzend zu seiner IT zählen können. Cloud Computing auf Basis von Red Hat Enterprise Software ausgerichtet auf Web-Scale Virtual Computing, in Szene gesetzt durch Amazon Web Services, ist ein gutes Beispiel für eine tragfähige Partnerschaft. Über sie werden aus einer externe Wolke heraus Applikationen und alles, was dazu gehört – Rechnerkapazitäten, Speicher, Bandbreite, OSS-Betriebssystemfunktionalitäten von Linux – nach Maß und Bedarf bereitgestellt. Red Hat-seitig sind JBoss Enterprise Application Platform und Enterprise MRG Grid Amazon EC2 Execute Node die tragenden Säulen der Enterprise Software. Sie spielen optimal mit Amazons Elastic Compute Cloud (EC2) zusammen.

 

Jürgen Müller, Leiter der Cloud Initiative bei Siemens IT Solutions and Services: Cloud Computing gehört zweifellos die Zukunft. Zu überzeugend sind die Vorteile dieser Technologie für die Anwender, als dass sie darauf verzichten könnten. Dazu zählen eine klare Standard-Web-Orientierung, ein dynamischer Applikationsbezug nach Bedarf, eine virtualisierte IT als Basis für Cloud Computing sowie Investitions- und Personalentlastung. Die klare Web-Orientierung minimiert für die Anwender die Integrationskosten. Der dynamische Abruf von Applikationen gestaltet den eigenen Geschäftsauftritt kostensparender, flexibler und schlagkräftiger. Über die virtualisierte IT-Basis können Unternehmen nicht nur weitere, erhebliche Kosten einsparen, sondern IT-Kapazitäten nach Bedarf und Geschäftsverlauf aus der Wolke beziehen. Die Verlagerung von Applikationen und IT in die Wolke erspart eigene hohe Investitionen, Personalaufwendungen und IT-Weiterentwicklungskosten. Dies alles sind gerade unter den aktuellen Marktrahmenbedingungen Vorteile, die die Unternehmen nicht hoch genug einschätzen können.

Ich empfehle dennoch, nicht übereilt auf die Wolke aufzuspringen. Immerhin bewegt sich Cloud Computing in einer frühen Marktphase. Dem Einstieg in eine externe Cloud sollte eine detaillierte Recherche vorangehen. Hat der Service Provider nachweislich durch Beratung schon Kunden auf dem Weg in die Cloud begleitet und auch als Integrator überzeugende Referenzen in diesem Einsatzfeld? Sind innerhalb der Wolke die Anforderungen an Datenintegrität, IT-Sicherheit (physische wie logische), Datenschutz und Compliance/Dokumentationsrichtlinien hinreichend und für den Anwender nachvollziehbar gelöst? Reichen die Breitbandzugänge aus, um die Applikationen und die dafür notwendigen Server- und Speicherkapazitäten nahezu verzögerungsfrei dem Unternehmen bereitzustellen? Eröffnet der Service Provider für mehr Kostenkontrolle und -transparenz ein Pay-per-Use-Modell, das nicht nur so heißt, sondern auch seinen Namen verdient? Kann der Anbieter über seine Cloud im Unternehmen geplanten Applikations- und IT-Erweiterungen in hoher Qualität folgen? Ist der Service Provider bereit, über sein Geschäftsmodell den Gewinn und die Risiken aus der Cloud-Migration gleichberechtigt mit seinem Kunden zu teilen? Das alles sind Fragen, auf die der Anwender vor der Entscheidung, in die Wolke einzusteigen, vom Anbieter konkrete Antworten erwarten darf.

 

Erwin Schöndlinger, Geschäftsführer von Evidian Deutschland: Nach meiner Einschätzung ist Cloud Computing heute noch ein Hype. Diese Technologie in Provider-Hand wird noch viele ups and downs erfahren, bevor sie zu einer tragenden, also ernsthaften Betreiberalternative zur IT in Eigenregie der Unternehmen werden wird. Besonders in der Virtualisierung der IT aus Rechnern und Speichern sehe ich, Stand heute, für die Anwender viele potenzielle Risiken. IT-Virtualisierung zeichnet sich dadurch aus, dass Applikationen und Daten irgendwo innerhalb der Wolke residieren und gerade dort verarbeitet werden, wo IT-Kapazitäten frei sind. Das widerstrebt den Interessen der Anwender, die mit dem Gedanken »Cloud Computing« spielen. Sie wollen genau wissen, wo ihre Applikationen und Daten innerhalb der Cloud residieren und prozessiert werden. Denn nur mit diesem Wissen können sie ableiten, ob der Service Provider alle für die einzelnen Anwender notwendigen organisatorischen wie technischen Vorkehrungen für IT-Verfügbarkeit, IT-Sicherheit, Datenschutz und Compliance getroffen hat. Unternehmen werden insbesondere dann auf diese Vorkehrungen achten, wenn sie überlegen, ablauf- und geschäftskritische Applikationen und Daten in die Wolke auszulagern

Bis auch solche Applikationen und Daten an die Wolke abgegeben werden, werden die Service Provider vor allem mit Identity- und Access-Management (IAM) wesentlich stärker als heute Position beziehen müssen. IAM gilt nicht nur als die Technologie, die es erlaubt, einen sicheren, lückenlosen Zugriffskontrollschirm um alle Applikationen und Datenbestände innerhalb der Cloud zu organisieren, zu legen und zu steuern. Dieser Zugriffsschutz wirkt in diesem Fall losgelöst von der IT-Physis, also wo im Einzelnen Applikationen und Daten liegen und verarbeitet werden. Demzufolge kann gegenüber den Unternehmen auch ein hoher Zugriffsschutz belegt werden. Auch mit Blick auf Datenschutz und Compliance innerhalb der Cloud erweist sich IAM als probates und dokumentationssicheres Modulset. Alle Zugriffe und Zugriffsversuche können über die integrierten Auditing- und Reporting-Tools aufgezeichnet, protokolliert und ausgewertet werden. Die Einhaltung von Datenschutz- und Compliance-Richtlinien kann so vom Service Provider zugesichert und nachweislich belegt werden.

 

Uwe Scariot, Geschäftsbereichsleiter bei Materna: Cloud Computing aus dem Internet heraus steht zwar noch am Anfang seiner Entwicklung. Dennoch wird es zweifelsohne Einzug in die unternehmenseigenen Rechennetze halten. Für die Anwender heißt das, sie sollten einen möglichen Einstieg in eine externe Wolke genauestens prüfen. Potenzielle Schwachpunkte bei dieser Offerte gibt es viele. Geboten werden heute meist nur sogenannte standardisierte, also pauschalierte Applikationen und IT-Services. Sie bilden oftmals nicht das Applikations- und Serviceprofil spezialisierter und auf Unternehmensmehrwerte ausgerichtete Geschäftsprozesse ab. Die große Freiheit, Anwendungen und Daten irgendwo innerhalb der Internet-Cloud positionieren und verarbeiten zu können, birgt für den Anwender Risiken in sich. Er kann kaum nachvollziehen, ob der Service Provider alles für Verfügbarkeit, Sicherheit, Datenschutz und Compliance getan hat. Außerdem führt Cloud Computing, sofern es für das Unternehmen infrage kommt, kein autarkes Eigenleben. Es muss sich nahtlos in die weiterhin selbst betriebene Unternehmens-IT integrieren. Dementsprechend integrationsfähig müssen die vom Provider vorgehaltenen Applikationen und Services sein. Nicht nur das: Auch dafür muss der Anwender innerhalb der virtualisierten, ´flüchtigen` Cloud-Installation die technischen Voraussetzungen genau kennen. Schnittstellen, Protokolle und Formate müssen zur eigenen IT passen. Nur so werden sich Basisinfrastrukturen, Betriebssystemplattformen und Applikationen für das Unternehmensgeschäft zu einem Ganzen fügen. Hier kommt für die Anwender erschwerend hinzu, dass genormte Bausteine und Schnittstellen, die eine Integration fördern würden, bisher die Ausnahme sind.

Wir sehen deshalb, dass sich Cloud Computing via Internet nicht ganz so rasant wie von einigen Experten vermutet als alternative und zu integrierende Applikations- und Service-Beschaffungsart den Weg zu den Anwendern bahnen wird. Weit besser sehen die Voraussetzungen für internes Cloud Computing im privaten Netz aus. Hier kennt das Unternehmen genau die Gegebenheiten und kann sämtliche Vorkehrungen und Maßnahmen, so für Verfügbarkeit, Sicherheit, Datenschutz, Compliance und Integration, selbst bestimmen und in die Hand nehmen. Außerdem ist es wichtig, intern die eigene IT-Virtualisierung voranzutreiben, um sich künftig auf gleichem Infrastruktur-, Service- und Prozessniveau mit den Cloud-Providern »unterhalten« zu können.

 

David Carmichael, Senior Product Marketing Manager bei Sterling Commerce: Cloud Computing entwickelt sich zu einem heißen Outsourcing-Aspiranten für B2B-Geschäftsbeziehungen. Unternehmen, die sich heute noch in Form von Insourced B2B-Installationen zusammenschließen, werden sich bald über externe Clouds und entsprechende Outsourcing-Services formieren. Genauer gesagt werden dafür IaaS (Integration-as-a-Service) und SaaS (Software-as-a-Service) für die Vorhaltung von Applikationen und Daten Schlüsselrollen spielen. Cloud Computing wird so Geschäftsverbünden neue Perspektiven eröffnen, die weit über die Möglichkeiten einer klassischen B2B-Integration, wie die eines Supply Chain, hinausgehen werden.

Der Marktanalyst Gartner sieht demzufolge binnen dieses und nächsten Jahres den Weltmarkt für B2B Integration und Outsourcing Services via Cloud, trotz oder gerade wegen der Marktkrise, um mindestens 20 Prozent wachsen. Allein für IaaS und B2B Integration Services beziffern die Analysten von Gartner das Investitionsvolumen für dieses Jahr auf 1,5 Milliarden US-Dollar. Diese Prognose kommt nicht von ungefähr. Cloud Computing im B2B-Verbund bringt für die darin eingebundenen Unternehmen hohe Kosteneinsparungen mit sich. Nach einer Studie des AT&T-Unternehmens Sterling Commerce planen 72 % der Unternehmen mit B2B-Ambitionen in Deutschland, Großbritannien und Frankreich, in Cloud-basierende B2B Integration Services zu investieren. In Deutschland sind das sogar stattliche 87 % der befragten Unternehmen. Immerhin fast ein Drittel der interviewten IT-Manager gehen davon aus, dass sie via Cloud auch die Skalierbarkeit und Transparenz im B2B-Kommunikationsgeflecht steigern können.

Dennoch wird die Migration in eine externe Cloud langsam vonstatten gehen. Die Unternehmen im Partnerverbund werden vorerst weniger geschäftskritische Applikationen und Prozesse in die Wolke verlagern. Bevor in naher Zukunft die Wolke auch Business-kritischere Anwendungen, Daten und Prozesse aufnehmen wird. Bis es soweit ist, wird das Gros der Service Provider vor allem noch in drei Punkten technologisch wie organisatorisch nachrüsten müssen: IT-Hochverfügbarkeit, IT-Sicherheit und Compliance. Auch wenn die Verantwortung für Compliance im B2B-Verbund bei den Unternehmen verbleibt, müssen sie auf Provider-Seite auf die Einhaltung bestimmter Compliance-Regeln bauen und pochen können.

Hadi Stiel

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Hadi Stiel ist freier Journalist in Bad Camberg


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