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Enterprise Risk Management: Interview mit Hans-Peter Güllich, Experte für Risikomanagement Risikomanagement ganzheitlich betrachten Ein besseres Risikomanagement kann zu einer Reduktion des Ausmaßes eines materialisierten Risikos führen, wenn nicht sogar zu dessen Vermeidung. Immer vorausgesetzt, dass die Verantwortlichen entsprechend reagieren und die notwendigen Maßnahmen einleiten.
Avanon ist schon seit über zehn Jahren auf dem Markt für Enterprise Risikomanagement Lösungen positioniert. In dieser Zeit gab es das befürchtete »Jahr-2000-Problem«, die geplatzte Dotcom-Blase und die derzeitige Weltwirtschaftskrise, bei der noch nicht klar ist, ob sie bereits überwunden ist oder noch nicht. Hätten diese Ereignisse durch ein besseres Risikomanagement weniger Schrecken verbreitet? Das »Jahr-2000-Problem« hat gezeigt, dass ein aktives Risikomanagement Probleme identifiziert und frühzeitiges Eingreifen ermöglicht. Der Erfolg des Risikomanagements führte allerdings dazu, dass das eruierte Risiko im Nachhinein als pure Übertreibung abgetan wurde. Bei der Dotcom-Blase hingegen handelte es sich um ein realitätsfernes Gebilde, das sich der Realität wieder annähern musste. Bei der aktuellen Finanzkrise wurden vorhandene Risiken nicht gesehen oder schlicht verdrängt. Ein besseres Risikomanagement kann also zu einer Reduktion des Ausmaßes eines materialisierten Risikos führen, wenn nicht sogar zu dessen Vermeidung. Allerdings bedingt dies, dass die Verantwortlichen auch entsprechend reagieren und die notwendigen Maßnahmen einleiten. Nehmen wir beispielsweise die aktuelle Situation am Mont-Blanc-Gletscher. Jean-Marc Peillex, der Bürgermeister der betroffenen Ortschaft Saint-Gervais-les-Bains, wurde sofort nach der ersten Warnung von Wissenschaftlern aktiv. Inzwischen lässt er das Wasser aus dem Gletscher herauspumpen, bevor es den Gletscher birst und einen unkontrollierten Abgang des Wassers in das Tal und die Gemeinde Saint-Gervais-les-Bains verursacht. Der Bürgermeister scheut sich auch nicht, die hierfür erforderlichen zwei Millionen Euro zu investieren. Für ihn steht die Sicherheit an erster Stelle.
Gerade in der aktuellen Finanzkrise hat sich gezeigt, dass das Risikomanagement der Unternehmen oft ungenügend war. Welche Gründe sehen Sie hierfür? Heute betrachten viele Unternehmen das Risikomanagement zwar als sinnvolle Maßnahme, sehen es aber vor allem als Instrument, um Risiken zu minimieren. Hier ist künftig noch ein Lernprozess erforderlich. Denn Unternehmen können Risiken bei korrekter Einschätzung bewusst angehen, um vorhandene Chancen und Potenziale zu nutzen. Aber diese Erkenntnis hat sich noch nicht durchgesetzt.
Haben Unternehmen möglicherweise auch auf falsche Modelle gesetzt? Das kann man so nicht sagen. Es gab frühzeitig die Information auf dem Markt, dass hochprofitable Geschäfte mit strukturierten Produkten große Risiken bergen. Diese Informationen wurden jedoch nicht beachtet. Die Modelle haben trotzdem funktioniert. Entscheidend ist die Frage, ob die verwendeten Werte – etwa die Ratingeinstufung von Subprime-Kredit-Portfolien – der Realität entsprachen. Denn die Ergebnisse der Risikoberechnungen können immer nur so gut sein, wie die ihnen zugrunde liegenden Daten.
Wie lassen sich die Risiken künftig möglichst gering halten? Risiken lassen sich nicht ausschließlich anhand vorhandener Marktdaten »berechnen«. Nur durch verschiedene Szenarien erfasst das Unternehmen auch solche Risiken, für die noch keine Daten vorliegen. Hierbei sind natürlich das Know-how und die Erfahrung der Experten entscheidend. In Kombination mit anderen Parametern wie Marktdaten, Indikatoren, etwaigen Verlusten aus der Vergangenheit und zusätzlichen Daten aus speziellen Datenbanken lässt sich ein umfassendes und genaues Bild der möglichen Risiken aufzeigen.
Welche Prioritäten müssen dabei gesetzt werden? Dem internen Experten-Know-how fällt hier eine eindeutige Führungsrolle zu. Es sollte Priorität über externe Risikoinformationen haben. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass auch diese internen Einschätzungen der Risiken hinterfragt werden müssen, um sicher zu gehen, dass letztlich eine neutrale und realistische Einschätzung von Risiken vorliegt.
Wie würden Sie in diesem Zusammenhang die Unterschiede zwischen börsennotierten und nicht notierten beziehungsweise kleineren oder mittelständischen Unternehmen (KMU) bewerten? Die Größe eines Unternehmens hat Einfluss auf die Organisation des Risikomanagements. Zudem sind die Standortverteilung und generell die Komplexität des Unternehmens zu beachten. Risikomanagementsoftware unterstützt größere Unternehmen, um strukturierte Abläufe zu gewährleisten, die Handhabung zu vereinfachen und die Historisierung der Daten sicherzustellen. Für kleine Betriebe können dagegen Papier- oder Excel-Prozesse durchaus zielführend sein. Keinen Unterschied sehe ich beim Experten-Know-how, denn dieses ist sowohl bei den Großunternehmen als auch bei den KMU vorhanden.
Herr Wegmann und Sie haben sich, bevor Sie die Firma gründeten, bereits wissenschaftlich im Bereich Risikokontrolle profiliert. Inwiefern kann dies in die konkrete Produktentwicklung einfließen? Patrick Wegmann promovierte an der Universität St. Gallen. Für das beste Doktorat in Wirtschaftswissenschaften erhielt er den Amicitia-Preis. Er leitete an der HSG jahrelang zahlreiche Projekte in unternehmensweitem Risikomanagement und hat sich seit 1999 als Risikomanagement-Berater profiliert. Seit Herbst 2001 ist er an der Universität Basel Lehrbeauftragter für Finanzmarkttheorie und finanzielles Risikomanagement. Ich selbst studierte Wirtschaftsinformatik an der European Business School in Oestrich-Winkel, am Regent’s College in London und an der San Diego State University und promovierte zum Thema »Entwicklung eines Fuzzy-Expertensystems zur Bonitätsbeurteilung von Kreditanträgen für Automobilbanken«. Seit 1992 bin ich als Systemberater und Risikomanagement-Experte tätig. Die zahlreichen Erfahrungen sowie wissenschaftlichen Arbeiten bildeten die Grundlage für die Entwicklung der Avanon-Software, deren Weiterentwicklung sowohl durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse als auch Markt- und Kundenanforderungen bestimmt ist.
Die Ursachen der aktuellen Weltwirtschaftskrise waren nicht zuletzt menschliche Gier, Unvernunft und Leichtsinn. Kann eine Software nicht nur versehentlich (durch mangelnde Transparenz), sondern auch bewusst falsche (egoistisch motivierte) Entscheidungen unterbinden? Das kann keine Software leisten. Eine gute Lösung stellt Zusammenhänge her, zeigt frühzeitig mögliche Probleme auf und legt die daraus resultierenden Risiken offen. So fällt es um einiges schwerer, Risiken einfach zu übergehen. Im Vorfeld müssen unterschiedliche Informationen zu einem Gesamtbild verknüpft und verdichtet werden. Somit kann Software durchaus, sagen wir einmal den Leichtsinn »disziplinieren«.
Welche Herausforderungen wird das Risikomanagement in Unternehmen in den kommenden zwei Jahren bewältigen müssen? Das Risikomanagement muss sich zu einer Disziplin entwickeln, die das Verlustpotenzial von Risiken genauer bestimmt und dem damit verbundenen Gewinnpotenzial gegenüber stellt. Auf dieser Basis lassen sich gezielt Entscheidungen treffen. Heute sind wir noch weit davon entfernt. Die Ergebnisse der aktuellen Gartner Studie »Strategic Implications of Operational Risk Management Software Selection« zeigen, dass Risikomanagement häufig nicht ganzheitlich betrachtet wird. Aus eigener Erfahrung weiß ich nur zu gut, dass Risikomanagement oft als reine »Denkarbeit« missverstanden wird. Wir müssen den unternehmerischen Nutzen eines aktiven Risikomanagements stärker herausarbeiten.
Danke für das Gespräch __________________________________________ Das Interview führte Ralph Beuth, freier Journalist in München
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