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Refactoring bei der Schweizerischen Post Wie eine Schalterapplikation still und leise erneuert wird Alte Applikationen sind ein Risiko. Aber wie löst man eine bestehende Software ab, ohne den laufenden Betrieb zu gefährden? Das sogenannte Refactoring ist ein sanfter Weg dafür. Mit einem Refactoring wird eine Applikation modernisiert, ohne deren Einsatz zu stören oder deren Funktionalität einzuschränken.
150 Millionen Kunden stehen jährlich vor Postschaltern in der Schweiz und Liechtenstein. Sie nehmen eine breite Palette von Diensten in Anspruch. Das Angebot der Poststellen umfasst Zahlungsverkehr, Logistik und Detailhandel, wozu auch die Mehrwertdienste zählen, wie beispielsweise Konzertkartenverkauf, Aufladen von Prepaid-Abonnements und Bestellen von amtlichen Dokumenten. Das Personal wird bei der Betreuung der Kunden durch die Schalterapplikation »V-MaX« (Verkaufsmaximierung) unterstützt, die seit 2008 auf einer Java-Eclipse-Rich-Client-Plattform basiert. 1996 als Centura-Lösung gestartet, wuchs V-MaX zu einer komplexen und umfassenden Applikation. Jahr für Jahr wurde die Applikation um wichtige Funktionen ergänzt: die Anbindung von Kartenlesern, Barcode- und Einzahlungsschein-Scannern, Tresoren und Informationssystemen oder Schnittstellen zu SAP-Lösungen und externen Anbietern. Mit den bekannten Folgen: Das System wurde schwerfällig, schwieriger zu warten und die Abhängigkeit zwischen den Modulen führte zu aufwendigen Testverfahren und langen Einführungszeiten. Evolution statt Revolution Die Schweizerische Post erkannte die Problematik und suchte nach einer passenden Lösung. »Wir wollten eine zukunftsfähige Architektur, die auf offenen Standards basiert, die die vielfältigen Services der Post abdecken kann und die auch in Zukunft mitwächst«, erinnert sich Dieter Funk, Applikationsverantwortlicher bei der Schweizerischen Post. Die Wahl des Technologiepartners fiel auf BSI Business Systems Integration AG. »Mit BSI verband uns bereits eine langjährige, fruchtbare Projektpartnerschaft. Weil BSI bereits viel Erfahrung mit der Ablösung von Altsystemen hatte und über eine hohe Fachkompetenz im Postumfeld verfügt, entschieden wir uns, das Projekt Modernisierung gemeinsam anzugehen«, berichtet Dieter Funk. Eine Komplettablösung der bestehenden Schalter-Applikation in einem Schritt war zu riskant: »Ein Systemausfall wäre katastrophal gewesen«, konstatiert Dieter Funk. Die Lösung war eine Schritt-für-Schritt-Ablösung. Der Umbau startete im Jahr 2006. Zunächst wurde die bestehende Applikation in Komponenten aufgeteilt, die dann einzeln ersetzt wurden. In vier Monaten wurde der Kern der Applikation neu in Java Eclipse RCP geschrieben. »Ausschlaggebend für die Wahl der Eclipse-Plattform waren die Offenheit, Erweiterbarkeit und Plug-in-Fähigkeit dieser Laufzeit-Umgebung. Auch die Grafikfähigkeit – also die Möglichkeit, das Design des jeweiligen Betriebssystems zu übernehmen – überzeugte uns«, erinnert sich Dieter Funk. Das Hauptziel der neuen Architektur war ein vollständig komponentenbasierter Aufbau nach dem Modell der serviceorientierten Architektur, um künftig die Erweiterbarkeit, Integration von Drittapplikationen und eine einfache Wartung sicherzustellen. In allen Business-Modulen gemeinsam verwendete Funktionalitäten wurden im Kern gebündelt und für alle Module zur Verfügung gestellt. Die Module sind somit nur noch vom Kern der Applikation abhängig, aber nicht mehr untereinander. »Ein geringerer Testaufwand, ein Abbau von Redundanzen sowie eine effiziente und kostengünstige Wartung sind die Vorteile dieser schlanken Architektur«, fasst Dieter Funk zusammen. Ferngesteuerte Prozesse Die größte Herausforderung war der Neubau des Fundaments bei gleichzeitigem Betrieb der Applikation, denn die Mitarbeiter der Schweizerischen Post sollten unbeeinträchtigt von der Modernisierung weiter arbeiten können. Die Software-Ingenieure von BSI haben dazu ein neues Verfahren entwickelt: Die bestehende Applikation wird so aufgespaltet, dass nur noch die benötigten alten Masken mit der Businesslogik bestehen bleiben. Diese erhalten ihre Befehle vom »External Plug-in« über Windows Messages. Oder einfacher: Die Ablaufsteuerung der alten Applikation wird entfernt und externalisiert. »Im Gegensatz zu einer konventionellen Ablösung konnten wir bestehende Masken in der Übergangsphase in der alten Lösung weiter verwenden, gleichzeitig aber weiterentwickeln und anpassen. Bestehende Masken wurden so schrittweise und ohne Zeitdruck nach Java migriert. Zusätzlich haben wir neue Masken in Java implementiert«, fasst Morten Pedersen, Projektleiter bei BSI Business Systems Integration AG, zusammen. Die Endanwender merkten von diesen Veränderungsprozessen im Hintergrund nichts. »Obwohl die Applikation aus zwei verschiedenen, unabhängigen Betriebssystem-Prozessen besteht, verhält sich die Benutzeroberfläche wie bei einer normalen Anwendung mit einem einzigen Prozess«, bemerk Dieter Funk. Zusammen fit für die Zukunft Ein verändertes Konsumentenverhalten und ein wachsender Wettbewerb führen dazu, dass in zahlreichen Poststellen der Schweizerischen Post die Kundenfrequenzen und die Zahl der Postgeschäfte sinken. Die Post sucht deshalb nach Möglichkeiten, ihre Dienste unabhängig von der eigenen Poststelle anzubieten. Gleichzeitig offeriert sie in den bestehenden Poststellen zunehmend Produkte und Dienstleistungen von Drittanbietern. Die Schalterapplikation muss diesen Anforderungen gerecht werden. »Die neu eingeführte Architektur ist der erste Schritt zu einer offenen, service-orientierten Architektur, welche die Einbindung von Drittanbietern, wie Ticket-Corner, Prepaid-Karten oder Versicherungen, ermöglicht«, stellt Dieter Funk fest. Die Modularisierung der Architektur ist gleichzeitig ein Schritt Richtung Flexibilisierung der Postdienstleistungen. »In Zukunft können gar externe Partner, wie Dorfläden, Tankstellen oder Apotheken, Postdienste anbieten, ohne dass eine aufwendige Systeminfrastruktur vor Ort notwendig wird«, kündigt Dieter Funk an. n
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