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Der CIO und die Cloud

Der CIO ist tot? Lang lebe der CIO!

Cloud Computing fordert den CIO auf völlig neue Weise heraus, aber bietet ihm in Zukunft weitaus mehr Chancen als Risiken.

 

D

ie vermeintliche Gefahr, die von der Cloud für die Existenz von CIOs und IT-Abteilungen ausgeht, ist rational nicht nachvollziehbar. Erstens ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich Cloud Computing in allen Unternehmensbereichen durchsetzen wird und den CIO damit überflüssig machen könnte, wie Skeptiker befürchten. Und selbst wenn die Cloud allgegenwärtig werden würde, hinge das Schicksal des CIOs nicht von ihr ab. Vielmehr ist es der CIO selbst, der über seine Zukunft entscheiden kann, denn Einschränkungen gehen nicht von der Cloud aus, sondern sind allenfalls verursacht durch die Verunsicherung des CIOs.

Die Informationstechnologie ist schon längst nicht mehr nur einer von vielen Produktionsfaktoren in der unternehmerischen Wertschöpfungskette, sondern ein entscheidender Wettbewerbsfaktor. Sie wandelt sich vom Kostenfaktor zum Profit Center; IT-Management wird zum herausragenden Innovationstreiber bei den Produkten eines Unternehmens. Sie liefert professionelle und effiziente IT-Dienstleistungen, welche die Geschäftsprozesse des Unternehmens wirkungsvoll verbessern und so einen bedeutenden Wertbeitrag darstellen. Doch wie sind CIOs in diesen Wandel involviert und wie können sie ihn vorantreiben?

Größte Veränderung seit dem Client-Server-Modell.

Wenn Unternehmen über das Internet mit riesigen Rechenzentren verbunden sind und Software on-demand nutzen, befinden wir uns direkt im Zentrum dessen, wie CIOs heute mehr Innovativität und Dynamik für ihre Unternehmen bereitstellen können: durch Cloud Computing. Die Entwicklung wird als die größte Veränderung für IT und CIO angesehen, seit dem Wandel vom Peer-to-Peer-Prinzip zum Client-Server-Modell. Experten wie Nicholas G. Carr sagen der IT-Zunft eine düstere Zukunft voraus. In »The Big Switch« schreibt Carr, dass infolge von Cloud Computing die IT-Abteilungen genauso überflüssig werden wie die unternehmenseigene Stromerzeugung im 19. Jahrhundert. Damals gingen Unternehmen dazu über, ihre Energie aus einem kommodifizierten Stromnetz zu beziehen, anstatt aus der eigenen Produktion. Wenn die Cloud auf ähnliche Weise sämtliche Daten und Programme vorhält und die Unternehmen IT beziehen können wie Strom aus dem Netz, stellt sich die Frage, ob IT-Abteilungen und CIOs überhaupt noch gebraucht werden? Und wie sie dennoch daraus Nutzen ziehen können?

Es gibt mehrere Antworten auf diese Fragen. Erstens, während zuverlässige IT-Dienstleistungen im Laufe der Zeit immer besser wurden, können IKT-Netze noch nicht mit der Stabilität der Stromversorgung konkurrieren. Trotz der These von kommodifizierten Computern und Datennetzen bleiben sie das Produkt aus einem Mischmasch von Providern, Protokollen, Client-Devices, Betriebssystemen, Software-Anwendungen und unterschiedlichen Versionen. Ohne starkes Prozessmanagement sind sie anfällig für die aufgetretenen Ertragsschwankungen und Ausfallzeiten. Trotz möglicher Einsparungen in der Verwaltung, beim Kauf von Softwarelizenzen und der Agilität ist keineswegs klar, ob die Cloud zur dominierenden Kraft in der IT wird.

In jedem Fall bleibt die Cloud ein enorm starker Trend, und viele Unternehmen schreiten schnellen Schrittes auf sie zu, vor allem bei E-Mails und Collaboration. Aber auch Applikationen, wie Customer Relationship Management und vertriebsunterstützende Sales Force Automation werden in die Cloud ausgelagert. Einige gehen sogar noch weiter und betreiben Kernsysteme und Datenbanken in der Wolke. Bereits 41 Prozent der deutschen Unternehmen streben den Einsatz von Cloud Services in Teilbereichen ihrer IT an, so eine aktuelle Studie von IDC, an der sich Logica beteiligte. Prognosen lassen ein immenses Wachstum der Cloud vermuten. TechMarketView rechnet damit, dass in weniger als zehn Jahren 30 Prozent aller Software-Ausgaben auf Cloud Computing entfallen.

Voraussichtlich wird sich Cloud Computing allerdings auf die gleiche Weise entwickeln wie zuvor die Client-Server-Architektur. Entweder ergänzt oder ersetzt Cloud Computing die bestehende Infrastruktur, aber sie wird sich nicht in allen Unternehmen und Bereichen durchsetzen. Denn auch heute noch gibt es große Firmen, die den Großteil ihrer Anwendungen über Mainframes laufen lassen, obwohl das Client-Server-Prinzip dafür besser geeignet und bereits seit über 20 Jahren vorhanden ist.

Aber nehmen wir trotz dieser möglichen Barrieren für einen Moment an, dass Cloud Computing in Zukunft allgegenwärtig sein wird – vielleicht infolge eines weiteren ökonomischen Schocks, der die Unternehmen dazu zwingt, weitere Kosten einzusparen. Denn einer der wichtigsten Gründe für den Umzug in die Cloud ist das Outsourcing und damit das Einsparen von IT-Administration und Software-Upgrades, was einen Inhouse-Service überflüssig macht.

Prozessoptimierungen und innovative Ideen.

Was diese eventuelle Omnipräsenz der Cloud für den CIO bedeutet, hängt in erster Linie von ihm selbst ab. Je nachdem, ob der CIO ein halbvolles oder halbleeres Glas sieht, birgt die Cloud Chancen oder das Ende seiner Karriere. Letzteres tritt ein, wenn er seine Rolle als CIO auf das Verwalten von Service Level Agreements reduziert. Denn die Aufgabe kann auch der »Chief Operating Officier« (COO) ausführen. Ebenso dürftig ist die Aussicht auf eine Rolle als Vermittler zwischen ausgelagerten Servicekräften und internen Prozessen sowie interner Unternehmenskultur. Weitaus positiver ist dagegen der Ausblick auf einen CIO, den die Cloud vom Kleinklein des Tagesgeschäfts befreit. Denn so kann er Prozessoptimierungen und innovative Ideen in sein Handeln einfließen lassen.

Zwar wurde IT lange Zeit als eine Quelle der »Differenzierung im Wettbewerb« angekündigt, doch die meisten CIOs sind damit beschäftigt »den Laden am Laufen zu halten« anstatt innovativ zu agieren – in manchen Unternehmen war das sogar gewünscht, und Innovationen wurden mit Skepsis betrachtet. Doch in einer Welt, wo IT den Charakter eines Energieversorgers haben könnte, ermöglicht die Cloud dem CIO, Geschäftsprozesse zu optimieren, zu gestalten und neue strategische Ausrichtungen zu untermauern. Der CIO der Zukunft soll die Plattform für dynamische Unternehmen bereitstellen, die in unvorhersehbaren Zeiten schnell reagieren müssen.

Selbst in diesem Szenario einer allgegenwärtigen Cloud würde der CIO nie überflüssig werden. Ganz im Gegenteil, er würde die langgehegten Erwartungen an seine Rolle komplett erfüllen können. Und vielleicht sollten CIOs dann noch einen Schritt weiter gehen und ihren Titel mit neuem Leben füllen. Schließlich erfasst »Chief Innovation Officer« noch ein bisschen besser die Verantwortung und das Aufgabengebiet eines »Chief Information Officer«. Genau das, was jeder CIO will – und mit der Cloud erreichen kann.

Torsten Straß

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Torsten Straß, CEO von Logica in Deutschland

 

Torsten Straß (41) leitet die deutsche Organisation von Logica mit rund 2.000 Mitarbeitern. Logica zählt in Deutschland zu den Top 10 IT-Beratungs- und Systemintegrations-Unternehmen (Lünendonk-Liste). Zu seinen größten beruflichen Erfolgen zählen der Auf- und Ausbau der Avinci-Gruppe auf über 40 Millionen Euro Umsatz sowie das Turnaround-Management der deutschen Logica (CMG)-Organisation.


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